So nicht, Frau Wanka!

Die LandesschülerInnenvertretung NRW (LSV NRW) nimmt Stellung zu Äußerungen von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka zu Noten und Sitzenbleiben:

Für Frau Wanka geben Noten eine gerechte und präzise Rückmeldung über den Leistungsstand und die Defizite von Schülerinnen und Schülern. Gleichzeitig spricht die Ministerin den Betroffenen Text- und Leseverständnis ab, wenn sie behauptet, Wortgutachten seien nicht eindeutig und präzise zu verstehen. „Dabei vergisst Frau Ministerin offensichtlich, dass ein Fach aus viel mehr als aus Leistung und Fehlleistung besteht. Es gibt SchülerInnen, die sicherlich in Mathematik sehr gut im Teilbereich Geometrie sind, aber die Prozentrechnung mangelhaft beherrschen. Eine Note auf einem Zeugnis kann diese Differenzierung gar nicht anzeigen, die Person bekommt eine drei, wer da von ‘präzise’ spricht, versteht nichts von ordentlichen Feedbacks.“, so Johannes Trulsen, Landesvorstandsmitglied der LSV NRW.

Weiterhin muss auch die Feststellung, dass Noten sozial gerecht seien, scharf zurück gewiesen werden. Seit Jahren bemängelt die OECD die fehlende Gleichbehandlung der sozialen Schichten. Aus dem Migrationsmillieu kommen immer noch viel zu wenige junge Menschen auf die höheren Schulformen, was sicherlich an der Selektion nach der 4. Klasse liegt. „Dort entscheiden schließlich die ach so gerechten Noten über die weitere Karriere der SchülerInnen“, führt Landesvorstandsmitglied Joel Guttke weiter aus.

Johanna Wanka findet die Abschaffung von Noten leistungsfeindlich, diese Einschätzung beruht aber offenbar auf nicht mehr als einem Gefühl, denn noch nie wurde bewiesen, dass Noten leistungssteigernd sind. “Die regelmäßigen PISA-Gewinner haben bis in hohe Jahrgänge keine Noten, Wanka hat scheinbar diese Studie nie gelesen, oder will jemand diese Länder als leistungsunfähig bezeichnen?“, meint Tatjana Westhoff, Landesvorstandsmitglied. Die Behauptung, dass Kinder sich nur unter Leistungsdruck und anhand von Noten vergleichen möchten, können wir nicht bestätigen. Ohne Noten können sich Menschen aber auch vergleichen: SchülerInnen sollten nicht unter Konkurrenzbedingungen, sondern viel mehr solidarisch und aus Freude und Spaß lernen. „Aber Frau Wanka meint scheinbar, dass sich SchülerInnen auf das Konkurrenzsystem der Wirtschaft vorbereiten müssen, und deutet auch an, dass Kopfnoten auf das Zeugnis sollen, was wir in NRW mit viel Einsatz von LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen wieder abgeschafft haben“, äußert sich Lukas Lorenz, Landesvorstandsmitglied.

Die LandesschülerInnenvertretung NRW findet, dass das Sitzenbleiben nicht die erhoffte Wirkung erzielt, die es angeblich bewirken soll, nämlich die Verbesserung der Leistung. „Das Sitzenbleiben ist das Feigenblatt eines schlechten und unterfinanzierten Schulsystems, das es nicht schafft, die individuelle Förderung umzusetzen, wegen zu wenig LehrerInnen, fehlenden Räumen und Mitteln“, so Landesvorstandsmitglied Joshua Zakowicz. Daher stellt die LSV NRW fest: „Statt klug in der Presse falsche Ansätze und Wahlkampf zu betreiben, sollte Frau Wanka endlich Geld in die Hand nehmen und mit diesem Bildung nachhaltig verbessern, auch wenn es nur über eine Verfassungsänderung geht!“

Respekt, Toleranz und Courage gehören für die LSV NRW zu den Grundpfeilern guter Schule. Das soll nicht nur in der Schule gelebt werden, sondern auch außerhalb. LehrerInnen sind genauso zu achten wie die SchülerInnen. Die in den Medien angeprangerte Respektlosigkeit von SchülerInnen gegenüber LehrerInnen mag in vielen Fällen stimmen, diese resultiert aber, nach Meinung der LSV NRW, sicherlich aus fehlenden Vorbildern. Zu beachten seien hier die Rahmenbedingungen von Schule: Auch LehrerInnen können respektlos mit SchülerInnen umgehen. Oft werden Grundrechte, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, einfach als Respektlosigkeit gewertet, was die Wertigkeit von SchülerInnen in dem herrschenden Schulsystem zeigt. „Wir finden es richtig, dass die Autorität von LehrerInnen in Frage gestellt wird, denn Obrigkeitshörigkeit und reines Befehlsempfängertum sind eindeutig der falsche Weg und haben z.B. in den Zweiten Weltkrieg geführt. SchülerInnen sollen kritisch sein und ihre Meinung frei äußern können, nur so gelingt eine Bildung, die demokratische BürgerInnen als Ziel hat“, kritisiert weiter Elena Colmsee, Landesvorstandsmitglied.

Die LSV NRW schließt sich abschließend Frau Wanka an, dass das Lesen und Schreiben zu einer der wichtigsten Kulturtechniken gehört, weshalb auch ein Wortgutachten, anders als für Frau Wanka, präzise und verständlich ist und vielleicht auch diese Kulturtechnik stärkt.

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