Pressemitteilung: Gesundheit an erster Stelle: Kein verfrühter Unterrichtsbeginn für niemanden!

Während man seit den Schulschließungen im März den Eindruck haben konnte, dass die Gesundheit der Schüler*innen, Lehrer*innen und weiteren Mitarbeiter*innen im Schulsystem handlungsleitend für das Ministerium für Schule und Bildung war, deuten die aktuellen Entscheidungen in NRW darauf hin, dass nun alles getan werden soll, um „die Wirtschaft“ möglichst bald wieder ins Laufen zu bringen. Anders lässt sich der Sonderweg, den Ministerpräsident Laschet und Ministerin Gebauer nun einschlagen, nicht erklären: Die Schüler*innen sollen ab Donnerstag, 23.4., in die Schulen geschickt werden – und das, ohne dass ein nennenswertes Hygienekonzept und andere notwendige Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Unterrichts gegeben sind. Eigentlich sollte auch für Nicht-Virolog*innen klar sein, dass man nicht weniger anfällig für das Corona-Virus ist, weil man in naher Zukunft das Abitur oder eine Zentrale Prüfung ablegen wird. Daher lehnt die LSV NRW den geplanten verfrühten Unterrichtsbeginn uneingeschränkt ab. Mit den folgenden Punkten möchten wir auch angesichts der vielen Nachrichten, die uns erreicht haben, der Schüler*innenstimme Gehör verschaffen:

Notwendige Infektionsschutzmaßnahmen sind nicht realisierbar
Dank der Arbeit von Expert*innen wurden Hygienemaßnahmen erarbeitet, die eine zu schnelle Ausbreitung des Virus verhindert haben, sodass eine zum Kollaps führende Überlastung des Gesundheitssystems weitestgehend verhindert werden konnte. Dennoch sind medizinische Einrichtungen weiterhin stark belastet. Entsprechend begrüßt die LSV NRW viele der aktuellen Maßnahmen, wie den Sicherheitsabstand und die verstärkte Handhygiene sowie die Schließung der Schulen.

Die Bedingung für die Wiedereröffnung der Schulen muss jedoch die Gewährleistung des Infektionsschutzes sein. Aufgrund des Wissens über die tatsächliche Praxis des Schulbetriebs beurteilt die Landesschüler*innenvertretung NRW die aktuellen Vorhaben der Landesregierung als verantwortungslos:
Die durchgängige Gewährleistung von zwei Metern Sicherheitsabstand ist im Schulbetrieb, auch wenn nur wenige Jahrgänge unterrichtet werden, illusorisch; allein im Bezug auf die Größe der Klassenräume. Auch kann die Handhygiene nicht eingehalten werden, da es aufgrund der massiven Unterfinanzierung des Schulsystems in vielen Schulen nur wenige funktionsfähige und meist eh schon dreckige sanitäre Einrichtungen gibt – und im Extremfall nicht einmal fließendes Wasser! So ist Hygiene an einem großen Teil der Schulen auch außerhalb der Corona-Krise ein ständiges Problem.
Weiterhin gibt es auch bei weitem nicht genügend Schutzmasken für Schüler*innen, die zur Eindämmung der Epidemie an allen Stellen des öffentlichen Lebens auf Empfehlung der Leopoldina Akademie getragen werden sollen.
Eine disziplinierte Einhaltung der laut Expert*innen notwendigen Schutzmaßnahmen ist also in der Theorie vorstellbar, in der Schulpraxis aber nicht möglich. Diese Einschätzung kann nur von Menschen aus der Schulpraxis qualifiziert erfolgen und das sind die Schüler*innen und Lehrer*innen und nicht die Politiker*innen oder Wissenschaftler*innen an führenden Hochschulen.

Freiwilliger Unterricht – auch bei der ZP
Die LSV NRW unterstützt die Entscheidung des MSB, vor den Abiturprüfungen zwei Wochen freiwilligen Unterricht stattfinden zu lassen – sobald die dafür notwendigen hygienischen Voraussetzungen erfüllt sind. Jedoch müssen auch die Schüler*innen der Jahrgangsstufe 10 mindestens die gleiche Zeit bekommen, um sich in freiwilligen Unterrichtsangeboten auf die Zentralen Prüfungen vorzubereiten. Auch begrüßt die LSV NRW, dass die Gefährdung von Lehrer*innen der Risikogruppe berücksichtigt wird. Jedoch sollten auch Schüler*innen mit z.B. Diabetes oder Asthma berücksichtigt werden, denn der Schutz der Gesundheit der Menschen muss an erster Stelle stehen.
Weiterhin unterstützt die Landesschüler*innenvertretung NRW die Priorisierung von Abschlussjahrgängen. Dennoch dürfen auch Nachteile für Schüler*innen, die in folgenden Jahren einen Schulabschluss erwerben wollen, nicht aus den Augen verloren werden.
Gleiches gilt für Schüler*innen mit besonderem Förderbedarf, hier sollte es ebenfalls im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten auf freiwilliger Basis schulische Angebote geben, um Problemen, die durch die mit der Krise einhergehende soziale Isolation entstanden sind, entgegenzuwirken; und das nicht nur für Prüflinge.
So sorgt die aktuelle Isolation auch für eine Verschärfung von häuslicher Gewalt. Auf damit einhergehende Folgen muss auf politischer Ebene nachsorgend reagiert werden. Um Schüler*innen im Allgemeinen zu unterstützen und zielgerichtet gegen solche sozialen Probleme auf individueller Ebene vorzugehen, wird in den Schulen nun stärker denn je mehr multiprofessionelles pädagogisches Personal benötigt, wie z. B. Schulsozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen.

Keine verpflichtenden Prüfungen, die Gesundheit muss an erster Stelle stehen
Noch am 27.03. erklärte die Bildungsministerin Yvonne Gebauer in einer Pressemitteilung, dass die Gesundheit der Lehrkräfte und Schüler*innen oberste Priorität habe. Zuletzt kamen die Ministerpräsident*innen in einer Videokonferenz zusammen, um gemeinsam festzulegen, inwiefern Schulen wieder geöffnet werden können. Schon an dieser Stelle wird die Absurdität dieser Entscheidung klar: 16 Ministerpräsident*innen sind zu gefährdet, um persönlich zusammen zu kommen, Prüfungsjahrgänge mit teilweise weit über hundert Schüler*innen und verschiedenen Fachlehrer*innen können aber in sich überschneidenden Gruppen stundenlang in Klassenräumen unterrichtet werden.
Diese Entscheidung sorgt nicht zuletzt auch wegen berechtigter Ängste aller Prüflinge und Lehrer*innen, sich oder andere anzustecken, für unfaire und nicht vergleichbare Bedingungen.
Armin Laschet formulierte in seiner Osteransprache treffend: „Ostern ist ganz anders als je zuvor in 2000 Jahren. Noch nie seit der Gründung unseres Landes im Jahr 1946 haben wir eine so schwere Bewährungsprobe erlebt.“ Und genauso sollten die Prüfungen dieses Jahr ganz anders sein. Denn kein*e Abiturient*in und kein*e ZPler*in haben bis jetzt unter solch unvergleichlichen Umständen eine Prüfung abgelegt. Laschet sagte weiter „Wir feiern Ostern, das Fest des Lebens, nicht – damit wir so Leben retten.“. Konkludent fordert die LSV NRW: keine verpflichtenden Prüfungen – damit wir so Leben retten.
Mit einer von der LSV NRW vorgeschlagenen Wahlmöglichkeit erhalten Prüflinge die Wahl zwischen dem Ablegen der Prüfungen und einer Durchschnittsnote. So wird effektiv die Zahl der Prüflinge in den Abschlussjahrgängen verringert werden und Prüfungen können unter sichereren Bedingungen stattfinden. Auch werden die Prüfungen durch eine Wahlmöglichkeit fairer und vergleichbarer zu den Vor- und Folgejahrgängen sein.

Keine Schulöffnungen mit Kontaktverbot
Zusammenfassend ist nach Meinung der LSV NRW die Öffnung der Schulen, auch nur in eingeschränkter Form, aktuell nicht mit den Empfehlungen führender Expert*innen vereinbar, da die notwendigen Schutzmaßnahmen in der Unterrichtspraxis nicht durchgesetzt werden können. Vor diesem Hintergrund sieht die Landesschüler*innenvertretung NRW in den Plänen der Landesregierung nicht nur eine Gefährdung für die Gesundheit der Schüler*innen, Lehrkräfte und der gesamten Gesellschaft, sondern auch eine Priorisierung der Abschlüsse, dessen Umsetzung der Landesregierung offenbar wichtiger als die Gewährleistung der Gesundheit aller ist. Besonders unsolidarisch ist dieses Verhalten gegenüber gefährdeten Minderheiten und Schüler*innen, die aus Angst vor einer Infektion ihre Prüfungen nicht schreiben wollen.
Die LSV NRW fordert daher, dass die Schulen erst wieder geöffnet werden, sobald auch das Kontaktverbot aufgehoben werden kann.

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