Grundsatzprogramm der LSV NRW

I Präambel

Die Weltgesellschaft, immer hin und her gerissen von wirtschaftlichen Krisen, militärischen

Konflikten und dem Streben nach Vorherrschaft, bedarf einer an ihre Wurzel gehenden

Umstrukturierung.

Die bisherigen Verhältnisse sind klar: Die Industrieländer beherrschen mit ihrer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht das Leben eines großen Teils der Weltbevölkerung. Geld ist Macht und wer sich im Sinne der Ellenbogengesellschaft am besten durchzusetzen weiß, vermag vorübergehend auf der Gewinnerseite zu stehen.

Die Verfassungen der westlichen Demokratien erheben in einer Vielzahl von Punkten Ansprüche, die sie nicht erfüllen können. So werden zahlreiche Gesellschaftsgruppen diskriminiert. Zwar ist die Emanzipation von Frauen, nur um ein Beispiel zu nennen, auch in Deutschland im Grundgesetz manifestiert. Jedoch müssen Frauen tagtäglich unter Stereotypen leiden, sei es im Beruf, zu Hause oder in der Schule.

Darüber hinaus können die Demokratien keine dem 21. Jahrhundert angemessene Integrationspolitik leisten. AsylbewerberInnen werden mit einer Bürokratie und einer Gesetzesflut konfrontiert, die sie nur schwerlich verstehen und bewältigen können. Das Verfahren des Asylantrages und die damit verbundenen Anstrengungen sind der gesamten Bevölkerung nicht transparent genug gehalten, so dass sich Unmut breit macht, der zu Diskriminierung führt und letztendlich auch Fremdenhass motiviert.

Von der Tatsache ausgehend, dass bei 4% der deutschen Gesellschaft über die Hälfte des Gesamtvermögens liegt, kann niemand von sozialer Gerechtigkeit sprechen. Die soziale Frage wartet auch im 21. Jahrhundert auf eine umfassende und gerechte Antwort. Die Menschheit muss erkennen, dass Wirtschaft ein Instrument aller zum Wohlstand aller sein muss und nicht das Instrument weniger zur eigenen Bereicherung. Die Wirtschaft muss sich den Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Menschen sind Individuen und keine Waren!

Schon junge Menschen werden mit den sozialen Ungerechtigkeiten unmittelbar konfrontiert. Die soziale Herkunft programmiert individuelle Werdegänge vor. Das beweist die PISA Studie. Diese Vergleichsstudie legt auch dar, dass nahezu ein Viertel der SchülerInnen in eine soziale Unterklasse von Bildungsarmen entlassen wird. Es geht auch anders!

Das von uns geforderte Schulsystem soll daher soziale Ungerechtigkeit überwinden.

Chancengleichheit kann nur geschaffen werden, indem jedem Schüler und jeder Schülerin ein gleichwertiges Bildungsangebot zu Gute kommt, was ein dreigliedriges selektives Schulsystem ausschließt. Die vermittelte Bildung soll selbstdenkende, kritische und damit demokratietaugliche mündige Bürger schaffen. Nur solche, denen es möglich ist, vorherrschende Missstände zu erkennen und zu beseitigen, können sich am gesamtgesellschaftlichen Dialog beteiligen und sich einbringen.

„Ist das Reich der Gedanken erst revolutioniert, hält die Wirklichkeit nicht lange stand.“ (Hegel)

II Bildungspolitisches

Noch immer bestimmt die soziale Herkunft (Wohnort, Nationalität, Religion, Situation und Bildung im Elternhaus) die Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern. Ergebnisse verschiedener Studien (z.B. Iglu, PISA,TIMSS) haben gezeigt, dass nicht allein individuelle geistige Voraussetzungen über den jeweiligen Bildungsweg entscheiden.

Die aktuelle bildungspolitische Situation ist gekennzeichnet durch ein mehrgliedriges selektives Schulsystem, Unterrichtsausfall, Kürzungen, Konkurrenz, Chancenungleichheit und mittelmäßige Lernergebnisse.

Kurzum: Unser Schulsystem leistet nicht das, was es leisten sollte. Schule bereitet nicht ausreichend auf das Leben vor. Zentrale Forderung der LSV ist die Einführung der inklusiven Ganztagsgesamtschule (IGGS) als Regelschule. Unter anderem durch die Einführung der IGGS wird die Solidarität und Kollektivität unter den SchülerInnen gefördert und der zunehmenden Vereinsamung vorgebeugt. Das alleine ist natürlich nicht die Lösung aller bildungspolitischen Probleme und wir möchten die von uns geforderte IGGS auch deutlich von der derzeitigen Gesamtschule abgrenzen.

Deswegen folgen hierzu einige Ausführungen…

1. Inklusive Ganztagsgesamtschule

Inklusiv

In der inklusiven Ganztagsgesamtschule lernen und leben behinderte, nicht behinderte,

leistungsschwache, leistungsstarke und immigrierte SchülerInnen gemeinsam. So lernen sie unter anderem Rücksichtnahme und entwickeln soziale Kompetenzen, denn es ist durch mehrere Gewerkschaftsstudien erwiesen, dass heterogene Lerngruppen für ein soziales Miteinander und einen besseren Lernerfolg förderlich sind. Zum anderen soll die Ausgrenzung von Minderheiten vermieden werden. Durch Respekt, Akzeptanz und Toleranz gegenüber Minderheiten ergibt sich die Möglichkeit für SchülerInnen, in

einem harmonischen, vorurteilsfreien Miteinander zu leben. So erlernen die SchülerInnen, die Besonderheiten der Individuen als Bereicherung aufzufassen und Vorurteile zu hinterfragen und abzubauen.

Ganztag

Schule soll nicht mehr ausschließlich Lernraum, sondern auch Lebensraum sein.

Arbeitsgemeinschaften, sportliche, kreative und musische Angebote sollen den Schulalltag

bereichern. Es muss eine sinnvolle und abwechslungsreiche Verknüpfung von Lern- und

Lebensphasen geben. Die SchülerInnen sollen außerdem einen gesunden Lebensstil vorgelebt bekommen und in diesem gefördert werden, so zum Beispiel durch ergonomisches Mobiliar, Sportangebote und gesundes Mittagsessen. Die Themen Gesundheit, Hygiene, Ernährung und Körperbewusstsein sollen auch Bestandteil von Unterricht und Projekten sein.

Gesamtschule

Wir fordern eine Schule für alle und somit die Auflösung des mehrgliedrigen Schulsystems. Durch die so entstandene heterogene SchülerInnenschaft können Schülerinnen und Schüler lernen, die Vielfalt als Bereicherung und Chance zu sehen. Maßstäbe hierfür sind individuelle Fähigkeiten, Interessen, Talente, Alter und soziale Herkunft. Außerdem lernen sie, mit- und voneinander zu lernen.

Die LSV NRW strebt eine IGS mit einem allgemeinen Schulabschluss an, der ein wirtschaftlich selbstbestimmtes Leben nach der 10. Klasse ermöglicht. Im Anschluss daran wird in der Schule eine weiterführende dreijährige Ausbildung angeboten, die eine Berufsausbildung beinhaltet oder studiumsvorbereitend ist. Zudem soll der Hochschulzugang auch Nicht-AbiturientInnen ermöglicht werden.

Gestaltung des Lernens

● Der Charakter des Lernens muss praxisorientiert und nützlich für eine weitere selbstbestimmte Lebensgestaltung sein.

● Zusätzlich zu kleinen Lerngruppen muss individuelle Förderung betrieben werden.

● Die LSV NRW fordert eine von SchülerInnen mitbestimmte Lernatmosphäre.

● Lerngruppen sollten nach Möglichkeit alters- und leistungsheterogen zusammengesetzt sein.

● Lerninhalte und Lernzeit dürfen nicht durch den Lehrplan diktiert werden, sondern müssen sich an den Interessen der SchülerInnen orientieren und maßgebend durch diese mitbestimmt werden.

● Zum Lernen sollten neue Medien verstärkt im Unterricht zum Einsatz kommen.

2. Recht auf allgemeine Bildung

Bildung muss jedem gebührenfrei zugänglich sein. Lernen nach den individuellen Ansprüchen des Einzelnen – ohne Vernachlässigung des Grundwissens – ist als Hauptpfeiler des Schulsystems zu sehen. Wir fordern ein ausgeglichenes und ausgewogenes Fächerangebot, welches das Spektrum der Gesellschafts-, Natur- und Sprachwissenschaften sowie der Kunst abdeckt. SchülerInnen müssen lernen, sich

selbst Urteile über Geschehnisse und Vorgänge zu bilden. Tagespolitik und Zeitgeschehen dürfen SchülerInnen nicht unverständlich erscheinen.

Ziel der Bildung muss es sein, die SchülerInnen zu mündigen, demokratisch denkenden und handelnden BürgerInnen zu erziehen. Eine allgemeine Bildung ist daher unabdingbar.

3. Privatschulen

Für Privatschulen ist in dem für uns idealen Bildungssystem kein Platz. Bildung ist staatlich und muss staatlich bleiben, aus diesem Grund darf das Land NRW die Einrichtung von Privatschulen nicht noch zusätzlich unterstützen. Wir sprechen uns nicht gegen die reformpädagogischen Ansätze aus, die an einigen Privatschulen praktiziert werden, sondern plädieren dafür, dass es an staatlichen Schulen (an der IGGS) die Möglichkeit zum Erproben und Einführen von reformpädagogischen Konzepten gibt.

Viele Privatschulen sind in kirchlicher Trägerschaft. Kirche sollte aber keinen Einfluss auf Schule haben. Gleiches gilt für profitorientierte Träger und kann auch für andere private Träger gelten. Die Existenz von Privatschulen fördert die Bildung von Eliten und Chancenungleichheit, da diese einerseits über mehr finanzielle und materielle Mittel verfügen als staatliche Schulen, andererseits sich aber ihre SchülerInnen selber aussuchen und sogar Schulgeld erheben können. Da auf privaten Schulen eine weniger heterogene SchülerInnenschaft unterrichtet wird als an der von uns geforderten IGGS, sind die Möglichkeiten für soziales Lernen natürlich vergleichsweise gering.

4. Bildungsfinanzierung

Heutzutage hat die Wirtschaft die Möglichkeit, das System Schule materiell und finanziell zu unterstützen und so auf den ersten Blick aufzuwerten. Doch eine Einmischung der Wirtschaft in die Schule und finanzielle Zuwendungen bedeuten in ihrer Konsequenz eine Gefahr für die öffentliche, freie, staatlich garantierte und kostenlose Bildung:

Sobald Firmen bereit sind, in Schule zu investieren, liegt diesem Anliegen ein

betriebswirtschaftlicher Vorgang zu Grunde: Das Streben nach Gewinn, Profit und Einfluss. Darum müssen die offensichtlich vorhandenen finanziellen Ressourcen der Wirtschaft in Form von Steuern eingetrieben und vom Staat verwaltet, anstatt für Sponsoring ausgegeben zu werden. Werden Zuwendungen von Seiten der Wirtschaft angenommen, entsteht eine Abhängigkeit und somit das Risiko, dass Schule ihre weitgehende Unabhängigkeit verliert. Zum anderen muss ein kostenloser Zugang zu Bildung vom Staat garantiert werden. Bildung darf also auch nicht durch Schul- oder Studiengebühren (teil-)finanziert wird. Auch die Kindergartenbetreuung darf nicht kostenpflichtig sein. Bildung, als Faktor für die Zukunft, muss jedem gleichermaßen zugänglich sein, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten des Elternhauses.

5. Schule und Religion

„Die LSV NRW setzt sich nachdrücklich dafür ein, dass das bereits bestehende Fach „Praktische Philosophie“ flächendeckend in NRW für alle SchülerInnen verpflichtend eingeführt wird und den bisherigen Religionsunterricht ersetzt.

Dies ist notwendig, da ein gemeinsames Entwickeln von ethischen Werten und der Dialog über Religionen nur in Gemeinschaft stattfinden kann. Um unsere multikulturelle Gesellschaft konfliktfrei gestalten zu können, brauchen wir eine Aufklärung, die alle Kulturen und Religionen einander näher bringt und eine bessere Verständigung ermöglicht.

In diesem Zusammenhang ist der derzeitige Religionsunterricht ein Rückschritt, da er seinen Fokus einzig auf das Christentum legt und andere Religionen nur anschneidet. Somit muss das Ersatzfach für den Religionsunterricht ein Fach sein, welches dem Menschen und seiner Würde als gesetzgebendem, autonomen Wesen (I. Kant) gerecht wird. Das kann nur die Philosophie sein.

Das Fach Praktische Philosophie entspricht diesen Prinzipien und entwickelt seine Inhalte aus seiner Zweckbestimmung:

a) Werte zu vermitteln,

b) Wissen über Weltreligionen zu vermitteln und

c) den Dialog zwischen ihnen zu fördern,

d) Religionsfreiheit als Privatsache zu verstehen.

Die objektive Betrachtung der Kulturen und Religionen oder allgemein der Wissenschaften ist nicht möglich, wenn SchülerInnen in ihrer Glaubens-und Meinungsfreiheit eingeschränkt sind.

Gemäß des Prinzips der Trennung von Staat und Kirche, welches wir einfordern, ist es nicht korrekt, kirchliche VertreterInnen in ihrer Funktion in den Schulausschüssen über die Entwicklung der Schule mitwirken zu lassen.“

6. Schulzeitverkürzung

Wir lehnen jegliche Kürzungspolitik im Bildungsbereich ab.

Wir halten es für ein falsches politisches Signal, an Bildung oder den Geldern für Bildung zu kürzen. Schulzeitverkürzungen verstärken die Chancenungleichheit in Bezug auf Bildung, da die Durchlässigkeit des Schulsystems nach oben noch stärker eingeschränkt wird als bisher. Das Sparen an Bildung wird zu keiner Verbesserung führen, sondern stellt einen Rückschritt dar. Die LSV fordert, zur 13 Jahre dauernde Schulzeit bis zum Abitur zurückzukehren, da diese sinnvoller genutzt werden kann,einerseits durch durch die verstärkte Förderung von SchülerInnen, die in manchen schulischen Bereichen unterdurchschnittlich lernfähig sind, zum anderen durch das Setzen neuer Schwerpunkte, wie zum Beispiel das Vermitteln sozialer Kompetenz.

7. LehrerInnenausbildung

LehrerInnen müssen mehr Aufgaben als nur das Lehren leisten. Deshalb ist die Ausbildung in ihrer derzeitigen Form unzureichend. Sie muss weniger theorielastig und praxisnäher gestaltet werden. Das Studium muss von Anfang an mehr Bezug zur Schule haben, so sollte eine Integration von längeren Praxisphasen in das Lehramtstudium eingeführt werden. Damit sich der Berufswunsch während des Studiums für die Studierenden konkretisieren kann, fordern wir eine längere Praxisphase bereits am Studienanfang. Eine Verzahnung von Theorie- und Praxisphasen, wie wir sie

uns wünschen würden, könnte sich orientieren an den Erfahrungen der einphasigen

Lehramtsausbildungen der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Im fachdidaktischen Anteil des Studiums sollen die LehramtskandidatInnen erlernen schülerInnenorientiert zu lehren und den Unterricht flexibel zu gestalten (z.B. jahrgangsübergreifender Unterricht und Unterricht in Klassen, in denen SchülerInnen mit und ohne sogenannter „Behinderung“ gemeinsam lernen). Die fachdidaktischen und fachspezifischen Anteile im Studium müssen begleitet werden von einem Studium der Unterrichtsgestaltung und der Wissensvermittlung. LehrerInnen müssen nicht nur fachlich, sondern auch methodisch, psychologisch und pädagogisch kompetent ein. Des Weiteren sollte im LehrerInnenstudium ein Bereich geschaffen werden, der sowohl eine Einführung in die SV-Arbeit bietet als auch eine Einführung in die Rechte und Pflichten aller Beteiligten an Schule (SchülerInnen, LehrerInnen, Eltern…). Das Referendariat dient der Ausbildung. Referendare und Referendarinnen dürfen nicht zur Sicherung des Unterrichts eingesetzt werden. LehrerInnen sind verpflichtet, sich ständig fortzubilden. Diese Fortbildungen sollten besonders dazu dienen, Alternativen zum alltäglichen Frontalunterricht aufzuzeigen und auszuprobieren und dafür sorgen, dass diese Einzug in den Schulalltag halten. Außerdem sollten Strategien zur Konfliktbewältigung und –prävention entwickelt und praktiziert werden. Die Lehrkraft sollte sich nicht als hierarchisch höher stehende Person gegenüber den SchülerInnen verstehen, sondern die SchülerInnen als gleichberechtigte PartnerInnen sehen, mit denen er/sie zusammenarbeitet.

8. Chancengleichheit in der Schule

Geschlecht, jedwede Behinderung, Herkunft, Glaube und Religion, politische Einstellung und der ökonomische Hintergrund dürfen grundsätzlich keinen Einfluss auf die schulische Ausbildung von SchülerInnen haben. Für die Chancengleichheit ist auch eine sinnvolle Integrationspolitik von großer Wichtigkeit, daher fordern wir mindestens ein Pflicht-Kindergarten-Jahr (nach einer Neustrukturierung des Kindergartens mit Ausgleichung von Sprachdefiziten). Gerade bei den Kindern, die aus einem anderen Herkunftsland mit anderer Kultur und vor allen Dingen mit einer anderen Sprache kommen, ist im Moment keine absolute Chancengleichheit gewährleistet. Das Verstehen und Sprechen der deutschen Sprache ist die wichtigste Vorbedingung, um später nicht auf das soziale Abstellgleis geschoben zu werden. Das Pflicht-Kindergarten-Jahr könnte dieses Problem zumindest in den Grundzügen lösen, da durch das Zusammenkommen der verschiedenen Kinder aus unterschiedlichen Hintergründen sich erstens die Sprachkompetenz ausbildet und zweitens das Verständnis für die andere Kultur entwickelt.

Durch das Wegfallen des mehrgliedrigen Schulsystems eröffnet sich eine Möglichkeit, diesen Aspekt auch in der weiteren Ausbildung hervorzuheben. Es muss vollkommen irrelevant sein, welchen sozialen Hintergrund ein/e SchülerIn hat. Jede/r SchülerIn muss neutral und objektiv betrachtet werden. Der/die LehrerIn und die Schule im Ganzen

dürfen die SchülerInnen nur nach ihren/seinen individuellen Fähigkeiten (und seinem/ihrem Lernfortschritt) charakterisieren. Diese Fähigkeiten müssen erkannt und gefördert werden.

Nur durch solch eine strikte individuelle Förderung kann Chancengleichheit gewährleistet sein.

9. Berufliche Bildung

In der aktuellen Diskussion über die Zukunft von Deutschland wird immer wieder verdeutlicht, wie wichtig allgemeine sowie berufliche Bildung ist. Ohne eine vernünftige Ausbildung und ohne eine gute Vorbereitung auf das Berufsleben, welches

später einen großen Teil des Lebens selbst bildet, wären die meisten verloren bei der Gestaltung des eigenen Lebens und später von den kleinen Stückchen abhängig, die der Staat für sie bereit hält. Eine vernünftige Ausbildung ist, wenn sie den auszubildenden Menschen auf seinen zukünftigen Beruf vorbereitet. Leider ist dies nicht immer der Fall. Immer mehr AbsolventInnen müssen ihre Ausbildung um ein halbes Jahr verlängern, um die Prüfung noch einmal ablegen zu können. Zu einer vernünftigen Ausbildung gehört ein angemessenes Entgelt. In vielen Betrieben ersetzen Auszubildende eine Vollzeitkraft, werden aber nur zu einem Viertel vergütet. Um auch vernünftig in die Zukunft planen zu können und eine Perspektive innerhalb der Gesellschaft zu bekommen, ist es wichtig, dass den Auszubildenden ein Übernahme-Angebot von der Wirtschaft gemacht wird.

Diese Problematik verschärft auch die Situation an den Berufsschulen, denen in den meisten Fällen auch ein Berufskolleg angeschlossen ist. Diese Berufskollegs verkommen immer mehr zu Verwahranstalten von angeblich nicht vermittelbaren Jugendlichen.

Im Vergleich zu früher ist der Besuch und der Abschluss der Höheren Handelsschule oder des Wirtschaftsgymnasiums nur noch sehr wenig wert. Mit dem Erwerb einer dieser Abschlüsse ist ein Ausbildungsplatz längst noch nicht gewährleistet. Die Jugendlichen verbringen inzwischen mehrere Jahre an den Berufskollegs, um einen Abschluss

nach dem anderen nachzuholen. Dies ist zwar für die gesellschaftlichen Kräfte wünschenswert, da dadurch die Quote bei den Abiturzeugnissen gesteigert wird, doch ist es für die Ausbildungsplatz-Suchenden wertvolle Zeit, die ihnen verloren geht, da die meisten Betriebe keine Auszubildenden über 20 Jahren einstellen.

Die Anzahl an Hartz IV Antragsstellern unter 25 Jahren wird dadurch weiter steigen, wenn die Wirtschaft nicht genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stellt.

Daher ist eine Forderung der LSV NRW, dass die Partner des Ausbildungs-Paktes endlich das tun, was sie versprechen: für jedeN InteressierteN einen Ausbildungsplatz in seinem/ihrem Wunschberuf zur Verfügung zu stellen! Die LSV NRW muss gemeinsam mit den Gewerkschaften auf diese Problematik hinweisen, um das Bewusstsein in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft deutlich zu machen. Deutschland wird einen Nachwuchsmangel im Zuge des demographischen Wandels bekommen.

Wenn dies passiert, werden wir viele nicht ausgebildete, nicht vermittelbare Menschen bekommen, die in dieser Sozial-Falle hängen bleiben werden.

Eine wichtige Forderung in diesem Kontext ist, dass es vor allem Schülerinnen ermöglicht werden muss z.B. nach einer Schwangerschaft in der Ausbildung, diese Ausbildung fortzusetzen, wenn Mutter und Kind soweit sind. Einige Unternehmen gehen hier mit gutem Beispiel voran. Im Allgemeinen müssen Chancengleichheit und Emanzipation innerhalb der beruflichen Bildung, ob in der Schule oder im Betrieb, stärker zum Ausdruck gebracht und den Beteiligten aufgezeigt werden.

III. In der Schule

Auch in der Schule muss sich einiges ändern und auch zu diesem Thema haben wir unsere Vorstellungen.

1. Berufsorientierung und –vorbereitung in der Schule

Um eine effektive, interessante und realistische Berufsorientierung zu gewährleisten, müssen die SchülerInnen mindestens zwei durch die Schule betreute Praktika bis zum Ende der Klasse 10.1 machen. Diese sollten zwei verschiedene Berufe abdecken. Ein weiteres betreutes Praktikum sollte für SchülerInnen der Sek II angeboten werden.

Desweiteren soll die Schule die SchülerInnen ermutigen, auch in den Ferien Praktika zu machen. Außerdem sollen den SchülerInnen viele weitere Berufe anschaulich vorgestellt werden. Hierbei ist es wichtig, dass die SchülerInnen den Beruf aus verschiedenen – auch kritischen Sichtweisen – kennen lernen. So zum Beispiel von Auszubildenden, Studierenden, GewerkschafterInnen, aber auch AusbildungsleiterInnen oder BerufsberaterInnen. Es muss auf den Übergang Schule – Beruf bzw. Schule – Uni eingegangen werden. Hierbei sind Aspekte wie Bewerbungstraining oder Lebenswegplanung wichtig. Außerdem müssen die SchülerInnen über andere Möglichkeiten der Lebensgestaltung nach dem Schulabschluss, anders als

eine direkte Ausbildung, informiert werden. Dies beinhaltet zum Beispiel die Erläuterung über ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Praktika im In- und Ausland.

2. Zensuren

Das bisherige Notensystem mit seinen Ziffernoten von 1 bis 6 bzw. von Punkten von 15 bis 0 ist abstrakt und subjektiv. Die unterschiedliche Vorstellung von der Bedeutung einzelner Noten bei LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen macht das System ungerecht, undurchsichtig und äußerst subjektiv. Um nicht dem Wohlwollen des/der LehrerIn die Entscheidung über die transparente Notenbildung zu überlassen, fordern wir ein vollkommen anderes System: Die SchülerInnen erhalten nach einem thematischen Sinnabschnitt eine individuelle Erläuterung zu ihren Stärken und Schwächen, außerdem auch individuelle Förderempfehlungen zum eigenen Fortschritt. Treten während einer Zeitspanne Probleme oder besondere Vorkommnisse (sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht) auf, sucht der/die LehrerIn das Gespräch mit dem Schüler/der Schülerin. Ähnlich dem Rückmeldungssystem von LehrerInnen für SchülerInnen muss es auch für die SchülerInnen eine Möglichkeit geben, den LehrerInnen eine Rückmeldung zu erstatten. Alle zwei Monate eine Feedbackstunde in allen Fächern wäre hierzu wünschenswert.

3. Unterricht

Um zu vermeiden, dass die SchülerInnen in den heterogenen Lerngruppen über- oder unterfordert werden, stellen wir uns zum einen eine spezielle Förderung und Forderung von Leistungsstarken und -schwachen in Kleingruppen in einzelnen Unterrichtssituationen vor. Zum anderen sollen die SchülerInnen lernen, sich gegenseitig beim Erarbeiten und Erlernen von Inhalten zu helfen. Wichtig ist auch, dass die SchülerInnen verschiedene Lerntechniken kennen lernen und erproben, um herausfinden zu können, mit welchen Methoden sie am besten lernen können. Auch die Methodik des Unterrichts muss abwechslungsreich sein, so dass die Methoden jedem/r SchülerIn gerecht werden.

Eine maximale Klassengröße von 15 SchülerInnen halten wir für geeignet. Zudem fordern wir, dass mindestens zwei LehrerInnen eine Klasse betreuen, da so auch immer eine individuelle Förderung gesichert werden kann. Außerdem soll das Unterrichtslimit für LehrerInnen bei maximal 20 Stunden liegen. Um einen Unterricht gewährleisten zu können, der allen SchülerInnen gerecht wird, müssen die Lerngruppen deutlich verkleinert werden gegenüber der „normalen“ Klassengröße am Anfang des Jahres 2005. Eine maximale Klassengröße zwischen 15 und 20 SchülerInnen halten wird für geeignet. Im Unterricht sollte auf aktuelle tagespolitische Ereignisse eingegangen werden. Es ist

wichtig, dass die SchülerInnen Nachrichten und das Tagesgeschehen verstehen und nachvollziehen können. In der Schule muss ihnen geholfen werden, die Zusammenhänge zu verstehen und ihre Fragen müssen beantwortet, ihre Sorgen ernst genommen werden. Die SchülerInnen sollten befähigt werden, sich eine eigene kritische Meinung zu bilden. Dies ist außerdem wichtig, da Schule im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu sehen ist und sie auch hier den SchülerInnen helfen muss, sich im Leben außerhalb der Schule zurecht zu finden. Im Unterricht und im ganzen Schulalltag darf aber nicht allein die Vermittlung von Fachwissen im Mittelpunkt stehen, auch auf die Möglichkeit zum Erwerb von Schlüsselkompetenzen ist zu achten. Darunter verstehen wir zum Beispiel die Fähigkeiten zur (Selbst-)Kritik, Kreativität, Problemerkennungs- und Problemlösungskompetenz, soziale Kompetenz, Eigenständigkeit und Teamfähigkeit, Umgang mit Sprache und (neuen) Medien.

4. Sitzen bleiben

Sitzen bleiben ist unpädagogisch, da es zum einen die betroffenen SchülerInnen aus einer Klassengemeinschaft reißt und ihnen das Gefühl vermittelt, sie seien gescheitert. Zum anderen ist davon auszugehen, dass SchülerInnen nicht grundsätzlich zu schlecht sind, sondern sie oft nur auf einzelnen Fachgebieten Nachholbedarf haben. Darüber hinaus sollte eine sozialpädagogische Betreuung angeboten werden. Es reicht also vollkommen, den SchülerInnen eine spezielle Förderung anzubieten. Eine freiwillige Wiederholung bleibt hiervon unberührt.

5. Unterrichtsstrukturen

Unterricht darf nicht als losgelöste Methode gesehen werden, die nur dem Ziel der

Wissensvermittlung dient. Unterricht muss SchülerInnen dazu befähigen, globale Zusammenhänge zu erkennen und aktuelle Probleme verstehen zu können. Um wissenschaftlich fundierten und praxisorientierten Unterricht ermöglichen zu können, müssen den SchülerInnen methodische Grundfähigkeiten wie z.B. Kommunikationsfähigkeit, die Fähigkeit zum kritischen, analytischen,

logischen und kreativen Denken vermittelt werden. Aktuelle Geschehnisse müssen ihren Raum im täglichen Unterricht finden. SchülerInnen müssen befähigt werden, Aktuelles mit Historischem zu vergleichen und durch selbständiges Hinterfragen und Bewerten wissenschaftlich vertretbare Schlussfolgerungen zu ziehen. Im Ganzen muss Unterricht fachliche wie auch translatorische Fähigkeiten vermitteln, soziale wie auch moralische Werte darstellen, als auch Wissenschaft von ihrem Absolutheitsanspruch auf einen

klar problemlösenden Weg bringen. Konkrete Lösungsansätze sind z. B. die Schaffung von kostenlosen Möglichkeiten zum individuellen Lernen – beispielsweise durch Internetzugänge und das Bereitstellen anderer neuer Medien und Büchern – Projektunterricht, der Eigenverantwortung schult und Selbständigkeit vermittelt oder Gruppendynamik fördernde Maßnahmen wie Exkursionen. Auch sollte ein gemeinsames Voneinanderlernen vermittelt werden. Ein flexibles Zeitschema, welches SchülerInnen und LehrerInnen in ihren individuellen biorhythmischen Möglichkeiten als Individuen anerkennt und so den SchülerInnen ermöglicht, sich in einer so genannten Eingangsphase, die einen noch zu bestimmenden Zeitraum bildet, im Unterricht einzufinden, gestaltet den Unterricht in einer Form, die den SchülerInnen die absolute Möglichkeit zur Entfaltung ihrer individuellen körperlichen Fähigkeiten gibt. Konkret muss der starre 45 Minuten Takt aufgehoben werden und durch ein flexibles Zeitschema ersetzt werden. Die Gestaltung der Unterrichtszeit liegt hier SchülerInnen und LehrerInnen in so fern frei, als es nur

Minutenvorgaben für Fächer in der Woche gibt. Wie oft und mit wie viel Minuten pro

Unterrichtseinheit ein Fach unterrichtet wird, kann variiert werden, je nach Notwendigkeit. Daraus ergeben sich für Lehrkräfte und SchülerInnen größere Handlungsspielräume. Sie haben die Chance, ihre Arbeit eigenverantwortlich einzuteilen und Arbeitsrhythmus und Arbeitszeit selbst- bzw. mitzubestimmen. Dauer und Abfolge von Blöcken und Pausen werden festgelegt, auch wann die Schule öffnet und wann das gemeinsame Frühstück, das Mittagessen, jahrgangsübergreifendes Lernen und die Arbeitsgemeinschaften stattfinden. So kann der Schulalltag eingeteilt sein in gemeinsame Phasen und Phasen individuellen Lernens. Es gibt mehr Partnerarbeit, Gruppenarbeit, AGs und Arbeitsphasen mit einem offenen Anfang und Ende. Über den ganzen Tag verteilt werden Zeiten der Entspannung und der Bewegung eingeplant. So wechseln Unterricht und Freizeit. Möglich werden kann dies durch die gemeinsame Betreuung weniger LehrerInnen pro Klasse. Außerdem sollte eine Lehrkraft jeweils drei bis vier SchülerInnen einer Klasse beim individuellen Lernen unterstützen. Auch fordern wir flexible Curricula, die immer Platz lassen, damit sich einE SchülerIn mit Themen beschäftigen kann, welche über den allgemeinen Stoff hinaus gehen.

Die LSV NRW fordert, dass eine Evaluation der LehrerInnen durch den Klassenverband erfolgt. Die Evaluation sollte schriftlich erfolgen und für die/den FachlehrerIn bindend sein. Das heißt, dass die/der FachlehrerIn gezwungen ist, sich mit den Bewertungen der Klassen auch auseinanderzusetzen.

Lerninhalte

● Alle Bildung muss auf methodischen Grundfähigkeiten beruhen und zu einem individuell

größtmöglichen Allgemeinwissen führen.

● Soziale Kompetenzen müssen im schulischen Miteinander einen höheren Stellenwert erhalten.

● Die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung und -reflektion muss im Kontext einer zu etablierenden Feedbackkultur vermittelt werden.

● Demokratische Partizipation muss in Schulen Raum erhalten und gefördert werden. Politische Bildung muss aktuelle Debatten einbeziehen, interessant und Demokratie fördernd gestaltet werden.

● Eine durch die Lehrkraft lediglich moderierte Wertefindung muss jenseits von restriktiven

Normen im offenen Dialog durch SchülerInnen ermöglicht werden.

6. Gewalt an Schulen

Um die Problematik der Gewalt an Schulen lösen zu können, ist eine intensive Beschäftigung mit der Thematik wichtig. Streitschlichter und Paten sollten sofort ab der fünften Stammgruppe Einzug halten. SV-Stunden sollten dazu dienen, ethische Diskussionen führen zu können. Und um letztendlich ein harmonisches soziales Miteinander zu schaffen, sollte Platz im Unterricht eingeräumt werden. Die LehrerInnen müssen geschult werden, psychische und physische Gewalt unter SchülerInnen zu erkennen und Konflikte lösen zu können.

Prävention von Gewalt muss durch Kooperation mit geeigneten Organisationen durchgeführt werden.

7. Ökologie

Die LSV-NRW fordert eine ökologisch gerechte und faire Zukunft für die SchülerInnen NRWs . Um Umweltschäden einzudämmen, muss der Energiegewinn in unserer Gesellschaft durch regenerative Energien gewährleistet werden und der gesamte Energieverbrauch deutlich vermindert werden. Um eine ökologische Zukunft zu gewährleisten, in der jeder Mensch sich aufgeklärt und bewusst im Einklang mit der Natur befindet, muss in Schule und Unterricht Ökologie thematisiert und behandelt werden. Zukünftig sollen alle SchülerInnen NRWs ein Bewusstsein für die Umwelt entwickeln.

IV. SchülerInnen in der Gesellschaft

Einleitung

Da Schule nur im gesamtgesellschaftlichen Kontext gesehen werden kann, SchülerInnen ein Teil der Gesellschaft sind und Schule sie auf ein Leben in der Mitte der Gesellschaft vorbereiten soll, beziehen wir uns mit unseren Forderungen auch auf allgemeinpolitische Themen und fordern ein allgemeinpolitisches Mandat für alle SchülerInnenvertretungen und ihre Organe. Marktwirtschaftliche Kräfte üben ihre Macht und ihren Einfluss auf alle Bereiche der Gesellschaft aus. Der Leistungsdruck und das Konkurrenzdenken unter Jugendlichen werden verschärft. Profitorientiertes Denken überschattet alle Bereiche der Gesellschaft. Menschen und Bildung werden immer mehr zu Ware. Da die Wirtschaft aber nur ein Interesse daran hat, dass die Menschen auf den Beruf und nicht auf ihr Leben vorbereitet werden, verkümmern unsere sozialen Kompetenzen immer mehr. Bildung muss aber auf ein Leben in der Demokratie angelegt sein. Sie muss dazu befähigen, selbstbestimmt und mündig handeln zu können. Dazu muss kritisches, vernetztes und problembewusstes Denken vermittelt werden. Außerdem ist ein naturelles und

kulturelles Bewusstsein erforderlich, um sich der Rolle in der Gesellschaft bewusst zu werden. Anstatt breit gefächerter Bildung werden wir immer mehr mit medialer Gewaltverherrlichung und Pornografie konfrontiert. Das führt dazu, dass die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Gewalt und Pornografie steigt. Besonders gefährdet sind in ihrer Persönlichkeit nicht gefestigte Jugendliche.

Die IGGS muss dem entgegenwirken. Hier muss die IGGS das Elternhaus unterstützen und „heimische Defizite“ ausgleichen.

Forderungen

1. Wehrdienst

Die Wehrdienstpflicht muss abgeschafft werden. Statt dieser sollten die Angebote für

Freiwilligendienste ausgeweitet und mehr publik gemacht werden.

Wehrdienst fördert die Existenz von Armeen, die militärische Auseinandersetzungen möglich machen. Ein denkbares soziales Pflichtjahr schränkt die Freiheit und Zukunftsplanung von Jugendlichen ein. Die Möglichkeit von Freiwilligendiensten muss trotzdem bestehen bleiben, damit Jugendliche sich beruflich orientieren, ihre soziale Kompetenz erweitern können und die Möglichkeit haben, vor dem Beginn einer Berufsausbildung Praxiserfahrung zu sammeln.

2. „Einwanderungspolitik“ und Integration

In einer globalisierten Welt muss Integration neu überdacht werden. Grundpfeiler müssen hierbei vor allem gegenseitige Akzeptanz und beidseitige Offenheit sein.

Methoden wie Ghettoisierung, Klassen ausschließlich für MigrantInnen oder innerhalb der

Einwanderungspolitik das Drittländerverfahren müssen gänzlich abgeschafft werden. Allein die Einwanderungspolitik hat sich seit 1993 für Zuflucht suchende Flüchtlinge stark verschlechtert und verkompliziert. Die Ideen von Humanität und Menschenrechten stehen dem entgegen. Staatlich müssen Kulturen und Religionen, sofern sie sich denn sowohl auf demokratische als auch freiheitliche Grundsätze berufen, gleich angesehen werden. Sprachliches Verständnis, als absolute Vorbedingung des Lebens in einer demokratischen Gesellschaft, muss vermittelt und gefördert werden. Die Integration kann gerade an diesen Stellen mit Akzeptanz und Handlungsbereitschaft reagieren und verändern. Sicher ist dieser Weg beschwerlich, jedoch zeigt uns gerade die Vergleichsstudie PISA, dass eine inklusive Schulform innerhalb einer Gesellschaft vieles leisten und Probleme lösen kann. So bedeutet ein Migrationshintergrund nicht soziale Abnormität, impliziert auch nicht eine Abschiebung auf Schulformen, die jegliche Perspektiven rauben, und

bedeutet auch keine soziale Mobilität nur in eine Richtung, nämlich nach unten. Eine inklusive und gesamtheitliche Schulform heißt Gleichheit an Chancen und individuelle Förderung auch mit Blick auf den sozioökonomischen Hintergrund. Die Neustrukturierung der Integration ist eine Chance, die unsere Gesellschaft nicht einfach an sich vorbei gehen lassen darf.

3. Faschismus und Rassismus

Auch Jahrzehnte nach dem Ende des 2.Weltkrieges sind faschistische und rassistische Übergriffe und Äußerungen in der Öffentlichkeit an der Tagesordnung. Wir als SchülerInnen sehen es als unsere Aufgabe an, aktiv und offensiv gegen rassistische und faschistische Tendenzen und Aktionen vorzugehen. Wir sehen es als unsere Pflicht an, die abscheulichen Taten unserer Vorfahren nicht zu vergessen. Es ist unsere Aufgabe, uns mit den Verbrechen des Nazi-Regimes auseinander zu setzen und dafür zu sorgen, dass sich dieser Teil der deutschen und europäischen Geschichte nicht wiederholt und ebenso wenig verdrängt wird.

4. Demokratie und Mitbestimmung

Eine Demokratie kann nur dann eine wirkliche sein, wenn sich die Menschen an ihr beteiligen und wenn ihnen die Rahmenbedingungen der Mitbestimmung dieses ermöglichen. Innerhalb einer Schule müssen daher die SchülerInnenvertretung dementsprechend gefördert werden. Wir fordern die Erweiterung der Mitbestimmungsmöglichkeiten für SchülerInnen in der Schule, beispielsweise einen SchülerInnenanteil von mindestens 50 % in der Schulkonferenz, die völlige Aufhebung der Sonderrechte für Schulleiter und die Abschaffung des Vetorechts für LehrerInnen. Jede SchülerInnenvertretung muss das uneingeschränkte Recht auf Raum in der Schule und finanzielle Unterstützung durch die Kommune (mindestens 500 Euro pro Schuljahr)

haben. Darüber hinaus fordern wir das allgemeinpolitische Mandat für SchülerInnenvertretungen, da diese ebenso ein mündiger Teil dieser demokratischen Gesellschaft sind wie jeder andere auch.

5. Emanzipation

Die Geschichte zeigt große Erfolge der Emanzipation der Frauen auf. Doch noch immer werden den Geschlechtern stereotype Rollenbilder zugeordnet. Frauen haben oft Angst, beruflich in Männermonopole Einzug zu nehmen. Oftmals werden sie in bestimmten Bereichen für die gleiche erbrachte Leistung schlechter bezahlt und erhalten keine gleichwertige Beurteilung. Die LSV fordert die uneingeschränkte Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Im schulischen Sinne ist dieses leider oft nicht der Fall.

Im Unterricht muss jede Schülerin ihren Fähigkeiten entsprechend geschult werden und die Möglichkeit haben, sich in allen Interessengebieten weiterzubilden. Schule muss individuell fördern und allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, in den jeweiligen Wunschberuf einzusteigen. Frauen müssen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden, dies kann zum Beispiel durch die Durchführung von Selbstverteidigungskursen geschehen. In gewissen Unterrichtsfächern und -abschnitten macht eine Geschlechtertrennung durchaus Sinn. So sollte den einzelnen Gruppen selbst überlassen bleiben, ob sie z. B. die Sexualaufklärung gemeinsam erlernen wollen.

6. Integration von Mehr- und Minderheiten

In unserer aktuellen Gesellschaftsform des kulturellen Nebeneinanders muss Schule die Integration von MigrantInnen, MigrantInnenkindern und Behinderten fördern.

Rassismus, Faschismus und Diskriminierung gegen alle Mehr- oder Minderheiten muss

entgegengewirkt werden. Stattdessen sollte in Schule Zivilcourage gelernt werden. SchülerInnen müssen gegenüber Neuem und Fremden aufgeschlossen sein.

Mit der IGGS fordern wir auch die Eingliederung von MigrantInnen, MigrantInnenkindern und behinderten SchülerInnen. Der Kontakt untereinander sollte als selbstverständlich aufgefasst werden. Damit alle SchülerInnen ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden können und eine Unterstützung gewährleistet ist, fordern wir die Einbeziehung einer pädagogischen Begleitung. Diese soll die Entwicklung aller Schülerinnen und Schüler unterstützen. Schule bietet den Raum, in dem alle Mehr- und Minderheiten nebeneinander und miteinander lernen können. Dies sollte genutzt werden, hier ist der Ansatzpunkt für Toleranz, Akzeptanz und ein friedliches Miteinander.

7. Beamtenstatus

Der Beamtenstatus in seiner derzeitigen Form muss abgeschafft und ersetzt werden durch eine Anstellung, deren Gehalt dem Beamtentarif A13 gleicht. Wir fordern eine bundesweite gleiche Bezahlung für alle Lehrer und Lehrerinnen, unabhängig von der Schulform, an der sie/er beschäftigt ist. Es gibt nur eine Abstufung nach der Anzahl der Wochenstundenzahl.

So wären LehrerInnen Angestellte im öffentlichen Dienst kündigungssicher und wären

angestelltenversichert. LehrerInnen wären politisch mündiger. Das hätte als positiven Effekt, dass u.a. LehrerInnen für ihr Handeln stärker verantwortlich gemacht werden können.

8. Privatisierung

„Privatisierung des öffentlichen Eigentums“ ist die Formel, mit der Politiker seit den 80er Jahren versuchen, auf Kosten der BürgerInnen die Kosten für den Staat zu minimieren. Deutschland ist pleite. Die Kommunen müssen sparen. So wird nun in allen sozialen Bereichen die Profitabilität vorangestellt. Die Post, das Telekomnetz und demnächst wohl auch die Bundesbahn werden aus staatlicher Hand gegeben und zu Aktiengesellschaften umfunktioniert. Was der Kommune kein Geld bringt, soll abgeschoben werden. Der Staat zieht sich aus seiner sozialen Verantwortung zurück und öffnet ein neues Feld für die Wirtschaft. Doch es ist die Aufgabe des Staates, öffentliche Daseinsfürsorge zu betreiben. Das heißt, dass der Staat dafür verantwortlich ist, über Steuern die für eine Gesellschaft notwendigen Einrichtungen zu finanzieren, die der Einzelne aus eigener Tasche nicht finanzieren kann. Damit soll garantiert sein, dass jeder Mensch unabhängig von fremden Interessen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Das fängt an bei dem staatlich finanzierten Bildungssystem, den öffentlichen Verkehrsmitteln, den Schwimmbädern und Jugendzentren und hört bei der Wasserversorgung auf. Der Bereich der sozialen Daseinsfürsorge wird gezielt kaputt gespart. Komischerweise ist immer Geld für Militär und Rüstung da. Unternehmen entziehen sich immer mehr der staatlichen Kontrolle und scheffeln dadurch Milliarden Gewinne. Egal ob marode Schulen durch Public Private Partnerchip renoviert werden oder das städtische Freibad zum Luxus Sauna Tempel umfunktioniert wird: damit wird unser sogenannter Sozialstaat ad absurdum geführt. Einrichtungen, die der Allgemeinheit gehören, werden verkauft und zu Unternehmen umfunktioniert. Die Maxime der Leistungsfähigkeit, der Effektivität und der Profitabilität ist mit einem Sozialstaat nicht zu vereinbaren. Eigentümer dieser Einrichtungen ist die Bevölkerung. Sie hat kein Interesse, dass ein einzelner sich an ihren Gütern bereichert und sie nach Profit ausnutzt. Die LSV NW spricht sich gegen jede Art der Privatisierung öffentlichen Eigentums aus.

Beschluss der 84. LDK geändert durch die 91. LDK, 92. LDK, 96. LDK und 104. LDK (3.-5. Februar 2012)

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