Anforderung an Schule nach dem Lockdown

Forderungen der Landesschüler*innenvetretung NRW: Ausblick auf die zweite Hälfte des Schuljahres

Nachdem sich in der letzten Zeit zum zweiten Mal viele Menschen in NRW und ganz Deutschland mit dem Coronavirus infiziert haben, mussten nun alternativlose und strikte Maßnahmen ergriffen werden, um die Ansteckungsrate zu senken.

Auch wenn die Ursachen für diese „zweite Ansteckungsquelle“ über die Schulen hinausgehen, ist dennoch klar zu sagen, dass die Landesregierung und speziell das Schulministerium in den letzten Wochen nicht entschieden genug gegen die Bedrohung durch das Coronavirus vorgegangen sind: Der Schulbetrieb wurde weder eingeschränkt, noch wurden andere hinreichende Schutzmaßnahmen in den Schulen ergriffen; dies alles geschah entgegen den Empfehlungen des Robert Koch Institutes sowie Forderungen seitens der Eltern-, Lehrer*innen- und Schüler*innenschaft

Unter dieser ignoranten Politik litt vor allem die körperliche und seelische Gesundheit von Schüler*innen und Lehrer*innen.

Vor diesem Hintergrund sieht die Landesschüler*innenvertretung (LSV) NRW, als Interessenvertretung aller Schüler*innen NRWs, nun mit Erleichterung, dass der Schulbetrieb vom 14.12.2020 bis zum 10.01.2021 massiv eingeschränkt wird; auch wenn dieser harte Lockdown möglicherweise hätte vermieden werden können, wenn schon viel früher zu Hybridunterricht gewechselt wäre, wie von der LSV NRW gefordert. Aus der Notwendigkeit dieser Maßnahmen ergeben sich aber weitere Probleme und Herausforderungen: Die Landesregierung steht nun in der Pflicht, richtig zu handeln, ihre Fehler nicht zu wiederholen und endlich eine vorausschauende transparente Strategie für den Schulbetrieb nach dem 10.01.2021 zu entwickeln, die den Gesundheitsschutz vor allem anderen priorisiert.

Entsprechend werden im Folgenden die Forderungen der Landesschüler*innenvertretung bezüglich des Schulbetriebes (frühestens nach dem 10.01.2021) dargestellt:

1. Schulbetrieb

Eine Wiederaufnahme des Präsenzbetriebs (für alle Jahrgangsstufen) kann erst dann wieder erfolgen, wenn die Infektionszahlen wesentlich geringer sind, hierbei sind die Empfehlungen von Expert*innen zu berücksichtigen (z. B. vom Robert Koch Institut oder der Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina).

Eine Wiederaufnahme des Präsenzbetriebes muss schrittweise erfolgen und dem Infektionsgeschehen dynamisch angepasst werden. Hierzu fordert die LSV NRW zunächst, Schulklassen zu aufzuteilen und diese halben Gruppen im zwei-Tagesrhythmus zu unterrichten (Hybridunterricht ). So sollen Schüler*innen (aller Jahrgangsstufen) zwar nur jeden zweiten Tag die Schule besuchen, aber dafür in kleinen (festen) Gruppen unterrichtet werden. Hierbei sollen alle Jahrgangsstufen gleichwertig behandelt werden.

Generell muss der Schutz der Gesundheit soll an erster Stelle stehen. Deshalb müssen alle nötigen Schutzmaßnahmen ergriffen werden: Filteranlagen müssen in den Unterrichtsräumen installiert und genutzt werden, einzelne Arbeitsplätze der Schüler*innen müssen mit Trennwänden voneinander abgeschirmt werden (, die in Abstimmung mit der aktuellen Wissenschaft entworfen werden). Es braucht feste Unterrichtsgruppen, die strikt voneinander getrennt bleiben, und die Auslagerung von Unterricht in leerstehende Räumlichkeiten (wie Gemeindehäuser, Hotels, etc.) überall da, wo die Raumsituation von Schulen die Einhaltung der Abstandsregeln nicht zulässt. Darüber hinaus müssen die Ressourcen von privaten Unternehmen, wie Busunternehmen, soweit nötig, genutzt werden, um den öffentlichen Verkehr zu entlasten und volle Busse und Bahnen zu den Schulzeiten zu verhindern; auch eine Staffelung der Unterrichtszeiten kann dabei eine Maßnahme sein. Allgemein ist bei diesen Maßnahmen die Umsetzbarkeit und Zumutbarkeit für die Schüler*innen an der jeweiligen Schule zu berücksichtigen. Wenn Schulen nicht in der Lage sind, nötige Schutzmaßnahmen umzusetzen, muss der Unterricht entsprechend eingeschränkt werden. Außerdem muss die Teilnahme am Unterricht für alle Schüler*innen, die der Risikogruppe angehören, freiwillig sein.

Für Schüler*innen, die aufgrund ihrer sozialen Situation im eigenen Zuhause keine Lernatmosphäre schaffen können, müssen alternative öffentliche Lernorte angeboten werden, die diese Schüler*innen nutzen können; auch hier müssen alle Bestimmungen zum Infektionsschutz eingehalten werden.

2. Seelische Gesundheit

Die Aufgaben der Schulen sind vielfältig, sie sind Orte des Lebens und des Lernen, aber auch Schutzräume. In dieser Krisensituation kommt dem letzten Punkt nach Meinung der LSV NRW besondere Bedeutung zu.

Durch die soziale Isolation, die Ängste aufgrund der ständigen Gefahr einer Infektion mit dem Virus, ökonomischer Probleme vieler Menschen und weiterer Gründe ist die Gefahr, dass es zu häuslicher Gewalt kommt, deutlich erhöht. Viele Schüler*innen werden derzeit mit seelischen Problemen alleine gelassen und haben wegen strenger Kontaktbeschränkungen keine Möglichkeit, sich an Dritte zu wenden. Die Schule muss in diesem Zusammenhang, mehr noch als sonst, eine Anlaufstelle für Schüler*innen sein, in der sie kompetente Beratung, Hilfe und Schutz erfahren. Entsprechend müssen ab sofort an sämtlichen Schulen (vom Unterricht unabhängige) Beratungsangebote für Schüler*innen eingerichtet werden. Inhalt der Beratungsangebote soll, im Rahmen der Möglichkeiten der Schulen, eine bestmögliche erste Hilfestellung für Schüler*innen bei seelischen Problemen sein.

Langfristig müssen wesentlich mehr Schulsozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen an den Schulen NRWs beschäftigt werden, eine Entwicklung, die seit Jahren von politischen Entscheidungsträger*innen vernachlässigt wurde. In der Krise spitzen sich die Folgen dieser Politik nun zum Leid der Schüler*innen zu.

Eng verbunden mit der seelischen Gesundheit von Schüler*innen ist auch der sozioökonomische Kontext, in dem sie Leben. Im Besonderen jüngere Schüler*innen, die wegen notwendiger Einschränkungen des Schulbetriebes nicht durch die Schule betreut werden konnten und vielleicht auch in Zukunft zuhause bleiben müssen, stellen Eltern oft vor das Problem, dass sie, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten, nicht arbeiten gehen können. So können schwere ökonomische Probleme für Erziehungsberechtigte und Kinder entstehen. Deshalb begrüßt die LSV NRW das Vorhaben der Politik, den Anspruch auf weiteren bezahlten Urlaub der Eltern zu erweitern, und hoffe darauf, dass dieses Vorhaben mit Nachdruck vorangetrieben und rechtlich geregelt wird. Darüber hinaus muss die Situation dieser Menschen fortwährend durch die Krise hinweg begleitet und berücksichtigt werden.

3. Schulabschlüsse, Versetzungen und Noten

Seit März des letzten Schuljahres war klar, dass auch dieses Schuljahr unter außergewöhnlichen Voraussetzungen stattfinden wird. Entsprechend müssen, wie bereits mehrfach von verschiedenen Verbänden von Schüler*innen, Eltern, Lehrer*innen und diversen anderen politischen Gruppen gefordert, der Situation angemessene Veränderungen der üblichen Bewertungsverfahren von Schüler*innen vorgenommen werden. Denn es ist Schüler*innen in der jetzigen Krise nicht möglich, den Leistungsanforderungen eines gewöhnlichen Schuljahres nachzukommen.

Grund hierfür sind in erster Linie die massiven Unterrichtsausfälle am Ende des letzten Schuljahres, sowie die Schulschließungen, die am 11.12.2020 beschlossen wurden. Darüber hinaus wurden viele einzelne Jahrgänge, Klassen, Kurse oder einzelne Schüler*innen zu verschiedenen Zeiten dieses Schuljahres unter Quarantäne gestellt und so vom Präsenzunterricht ausgeschlossen. Aufgrund unterschiedlicher sozialer Situationen von Schüler*innen, der mangelnden und ungleichen Digitalisierung der Schulen NRWs, dem fehlenden technischen Wissen von Lehrer*innen und Schüler*innen und der Tatsache, dass der Distanzunterricht (zum Beginn der Krise) ein nie zuvor erprobtes Konzept war, kann dieser bis zum jetzigen Zeitpunkt in keinster Weise als tatsächlicher Ersatz für den Präsenzunterricht verstanden werden. Zumal Distanzunterricht auch bis heute von jeder Lehrkraft verschieden interpretiert und durchgeführt wird.
So sind die stofflichen Lücken der Schüler*innen von Schule zu Schule und sogar von Schüler*in zu Schüler*in in ganz NRW verschieden groß, wobei ebenfalls beachtet werden muss, dass jede Schule auf Grundlage von eigenen interner Lehrpläne entscheidet, in welcher Reihenfolge prüfungsrelevante Inhalte vermittelt werden. So sind stoffliche Lücken der Schüler*innen von Schule zu Schule und sogar von Klasse zu Klasse im Bezug auf die im Lehrplan aufgeführten Inhalte individuell. Genauso wie die Übung, die Schüler*innen verschiedener Klassen im Umgang mit den Prüfungsformaten in den verschiedenen (für den Abschluss relevanten) Fächern haben.

Vor diesem Hintergrund fordert die LSV NRW, dass alle Schulabschlüsse in folgender Weise angepasst werden:

Die Zentralen Prüfungen in Klasse 10 müssen dezentral gestellt und von ihrer Form her von den Lehrkräften in der jeweiligen Schule an den Wissensstand der Schüler*innen angepasst werden. Dabei ist zu beachten, dass die Klausuren nur Kenntnisse und Kompetenzen voraussetzen dürfen, die in ausreichendem Maße im Präsenzunterricht behandelt wurden.

Schüler*innen, die ein Abitur unter den Voraussetzungen dieses Schuljahres erreichen möchten, sollen die Möglichkeit erhalten, in diesem Schuljahr zwischen einer Durchschnittsnote als Abschlussnote, gebildet aus den Leistungen, die sie in der Qualifikationsphase erbracht haben, und dem Ablegen der Abiturklausuren zu wählen. Dabei müssen für alle Fächer, in denen schriftliche (zentrale) Abiturklausuren geschrieben werden, mindestens sechs (ggf. mehr) Prüfungsvorschläge vom Ministerium für Schule bereitgestellt werden, so dass die verantwortliche Lehrkraft an der jeweiligen Schule die Möglichkeit bekommt, Klausuren auszuwählen, in der ausschließlich Inhalte vorkommen, die im Präsenzunterricht in dem jeweiligen Kurs behandelt werden konnten.

Mit anderen Prüfungen ist analog zu verfahren, so sollen auch z. B. die zentralen Klausuren in der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe dezentralisiert und nur auf freiwilliger Basis stattfinden. Für Prüfungen, die einen praktischen Teil einschließen, muss gelten, dass dieser nur auf Wunsch der Schüler*innen in einen theoretischen Prüfungsteil umgewandelt wird. Ansonsten müssen individuelle Lösungen gemeinsam mit den Prüflingen erörtert und erarbeitet werden. Hierbei muss gelten, dass unter Berücksichtigung der Pandemie-Bedingungen nach Lösungen gesucht wird, die im Interesse der Schüler*innen sind.

Mit Ausnahme der Abschlussjahrgänge und der Sekundarstufe Zwei (gymnasiale Oberstufe) fordert die LSV NRW für alle Jahrgangsstufen, dass die Bewertung der Schüler*innen mit sofortiger Wirkung ausgesetzt wird. Es darf keine weitere Benotung von Schüler*innen in diesem Schuljahr geben. Dies ist erforderlich, da die Bewertung von Schüler*innen im Distanzunterricht aus oben genannten Gründen eine klassistische Diskriminierung für ärmere und sozial schwache Schüler*innen bedeutet. Gleiches gilt für die Benotung von Schüler*innen im weiter oben skizzierten ‚Wechselbetrieb‘. Außerdem sollen die Schüler*innen durch diese Maßnahme seelisch entlastet werden, genauso wie stark belastete Lehrkräfte.
Schüler*innen der Abschlussjahrgänge und der gymnasialen Oberstufe sollen zwar benotet werden, um weiter für ihren Abschluss relevante Leistungen erbringen zu können (im Sinne des kurz vorher erklärten Konzeptes), doch soll die Bewertung des Distanzunterrichts mit sofortiger Wirkung, aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit, verboten werden. Nur im Präsenzunterricht erbrachte Leistungen dürfen bewertet werden.

4. Demokratie und Zusammenarbeit

Die bisherige Krisenpolitik war geprägt von intransparenten Entscheidungsprozessen, Spontanität, Inkonsequenz und schlechter Kommunikation. Die LSV NRW fordert hiermit das Schulministerium NRWs auf, im Interesse der Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern (oder Erziehungsberechtigte) NRWs einen neuen politischen und vor allem demokratischen Kurs einzuschlagen.

Ab sofort sollen Schüler*innen, Lehrer*innen, Schulleitungen und Eltern nicht mehr nur über Entscheidungen (kurzfristig) informiert oder zum Gespräch gebeten werden, um dann ihre Vorstellungen zu ignorieren, sondern an Entscheidungen grundsätzlich und wesentlich beteiligt werden. Denn nur mit vereinter Kraft und in demokratischer Zusammenarbeit ist die Bewältigung dieser Krise möglich.

Es braucht also wieder regelmäßige gemeinsame Austauschgespräche mit Frau Ministerin Gebauer, Herrn Staatssekretär Richter, Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern, die tatsächlichen Einfluss auf die Politik des Ministeriums haben.

Außerdem fordert die LSV NRW ein professionelles Arbeiten der Regierung. Spontane, offenbar unabgesprochene und widersprüchliche Äußerungen zu grundlegenden Fragen (von Schulministerin und Ministerpräsident) haben fatale Folgen für das Krisenmanagement in allen Schulen NRWs. Ein solches Verhalten der Regierung zeugt von dem Fehlen grundlegender Fähigkeiten, die eine Regierung besitzen muss. Solche Fehler sind in gleicher Weise, wie das Ignorieren der Expertise von Wissenschaftler*innen (Empfehlungen des Robert Koch-Institutes), in jeder Hinsicht inakzeptabel.

Neben der Zusammenarbeit des Schulministeriums mit Verbänden, Wissenschaft und anderen Teilen der Regierung, muss auch eine Zusammenarbeit mit Schulträgern und Schulen gewährleistet werden. Dies muss in einer Weise geschehen, die nicht auf dem Abschieben von Verantwortung auf die jeweils andere Ebene fußt, sondern auf der lösungsorientierten Zusammenarbeit im Interesse aller an Schule Beteiligten. So müssen z.B. Mittel für Anschaffungen an Schulen (wie digitale Geräte) unkompliziert und schnell an der richtigen Stelle ankommen. Dies zu ermöglichen, ist Aufgabe der Regierung.

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