Resolution: Schulreform JETZT!

„Ungenügend!“ – Diese Note hat das deutsche Schulsystem 2007 von dem UNO Sonderberichterstatter Muñoz für Bildung bekommen. Leider kam dieses Urteil für SchülerInnen- und LehrerInnenverbände nicht sonderlich überraschend, hatte doch bereits das von der Bildungsorganisation der Vereinten Nationen (OECD) initiierte „Program for international student assessment“ (PISA) die gleichen Aussagen über das deutsche Schulsystem getätigt wie der Sonderberichterstatter: Nach dem Pisa-Schock und den darauf folgenden Reformversprechen der Politik sollte man meinen, dass sich etwas ändert im Deutschen Schulsystem. Das tut es auch, momentan trägt die Landesregierung NRW allerdings nicht mit einer Reform, sondern mit einem Schulversuch dazu bei. Dieser beinhaltet unter anderem die Einführung einer „Gemeinschaftsschule“, die für „mehr Chancengleichheit und besseres gemeinsames Lernen“ sorgen soll. Auch ist der Versuch darauf ausgelegt, ländlichen Kommunen die Möglichkeit zu geben, trotz rückläufiger SchülerInnenzahlen möglichst alle Schulen zu erhalten.

Das Konzept der Gemeinschaftsschule sieht vor, Real- und Hauptschulen sowie das Gymnasium zusammen in einen Schulkomplex zu integrieren. Dabei sollen die SchülerInnen auf jeden Fall bis zur sechsten Klasse gemeinsam lernen. Ab der 7. Klasse gibt es die Möglichkeit, schulspezifische Klassen (z. B. Real- und Gymnasialklassen) einzurichten. Ob dies geschieht, entscheiden die Schulen eigenständig. Auch ein Ganztagsangebot ist vorgesehen.
Die LSV NRW befürwortet die Absicht der Landesregierung, den SchülerInnen ein längeres gemeinsames Lernen zu ermöglichen, jedoch sieht sie in dem Schulversuch auch mehrere Probleme. Einerseits wagen nur wenige schließungsgefährdete Schulen den Schritt, einen Antrag darauf zu stellen, eine Gemeinschaftsschule zu werden, denn die Teilnahme am Schulversuch ist auf 6 Jahre begrenzt und auch nur für 10 % der Schulen möglich. Andererseits kommen die Aspekte der Inklusion und des integrativen Lernens viel zu kurz, da die Möglichkeit der Selektion nach der 6. Klasse erhalten bleibt.
Dazu kommt ein weiteres Problem: Die Gemeinschaftsschule scheint vor allem eine gute Möglichkeit zur Erhaltung von Schulen in ländlichen Regionen zu sein, jedoch ist nicht das integrierte Lernen die Hauptmotivation. Das ist kritisch zu betrachten, weil es eine Schulform gibt, bei der das gemeinsame Lernen im Vordergrund steht, die jedoch aufgrund der schlechteren finanziellen Möglichkeiten uninteressanter für Eltern werden könnte: Die Gesamtschule. Wenn man tatsächlich über Herstellung von Chancengleichheit und integriertes Lernen redet, sollte man vor allem die Unterstützung und den Ausbau von Gesamtschulen in Betracht ziehen, da diese bereits ein sehr gutes Konzept verfolgen.
Außerdem hat die Gemeinschaftsschule durch die Zusammenlegung aller Schulformen vor Ort den Vorteil der Leistungsheterogenität, der den Gesamtschulen durch den Erhalt des Gymnasiums vorenthalten ist.
Die LSV NRW nimmt ursprüngliche Gedanken der Gesamtschuldiskussion auf und führt sie weiter, da auch heutige „integrierte“ Gesamtschulen nicht den Prinzipien einer demokratischen, inklusiven Schule entsprechen und die Möglichkeiten der individuellen Förderung und der Leistungsheterogenität nicht ausreichend gegeben sind.
Deshalb möchte die LandesschülerInnenvertretung NRW, dass das Bildungssystem zum Wohl aller SchülerInnen von Grund auf erneuert wird und fordert eine inklusive Ganztagsgesamtschule!

Gemeinsamer Unterricht
Experten sind sich einig, dass das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland veraltet und überholt ist. In fast keinem anderen Land wird so früh selektiert wie hierzulande. Wir fordern eine inklusive Ganztagsschule als Regelschule. Dabei lernen und leben Kinder mit und ohne Behinderung, Kinder mit verschiedenem Förderbedarf und Kinder mit Migrationshintergrund gemeinsam. Länder, die auf solche heterogenen Lerngruppen setzen, haben bei internationalen Tests wie PISA die ersten Plätze belegt.
Doch wurden nicht nur ein besserer Lernerfolg in gemischten Lerngruppen bewiesen, sondern auch ein gesteigertes Maß an Toleranz und sozialem Miteinander festgestellt. Die individuellen Talente der SchülerInnen könnten außerdem dazu genutzt werden, ein gegenseitiges Voneinanderlernen zu fördern.
Auch das Sitzenbleiben ist ein Mittel zur Selektion und ist undenkbar in einer IGGS. Außerdem bringt es nach der Statistik kaum Fortschritte und führt oft sogar zur Entmutigung von SchülerInnen.
Wenn man sich jedoch die Schullaufbahn von Kindern und Jugendlichen in Deutschland anschaut, stellt man fest, dass Diskriminierung und Selektion feste Bestandteile des Schulsystems sind. Diese Auslese beginnt schon vor der Grundschule mit der Einschulungsuntersuchung, bei der 11 % der Kinder als „nicht schulreif“ aussortiert werden, so viel wie in kaum einem anderen Land. Das zeigt, dass auch die vorschulische Förderung, besonders die Sprachförderung, dringend ausgebaut und verbessert werden muss.
Schon in der Grundschule können die Kinder sitzen bleiben, was dazu führt, dass bereits in der vierten Klasse 19 % der Kinder durch das Schulraster gefallen sind. Dabei sind die Kinder mit Migrationshintergrund die Verlierer, denn sie bleiben auf Grund ihrer Sprachprobleme viermal häufiger Sitzen als deutsche Kinder.
Auf dem Weg zur weiterführenden Schule wird durch die Schulempfehlung weiter sortiert und ein Teil der Kinder wird auf Sonderschulen zurückgelassen. In den drei verschiedenen Regelschulen bleiben erneut sehr viele Kinder sitzen, sodass nach dem Abschluss schon insgesamt 51 % der Kinder, mindestens einmal „ausgesiebt“ wurde. Auch wechseln 10 % der Kinder im Verlauf ihrer Schulzeit auf eine niedrigere Schulform. Pädagogische Arbeit in der Schule muss sich darauf konzentrieren, Lebenszusammenhänge herzustellen, in welchen sich Kinder mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Neigungen, mit ihren Motiven, Fragen und Zielvorstellungen handelnd begegnen und erleben können. Das setzt ein Schulleben voraus, welches Sicherheit und Geborgenheit bietet, Stärken fördert und Schwächen akzeptiert.
Schule muss Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsvoraussetzungen, Begabungen und Bedürfnissen integrieren. Inklusion fordert Schule auf, alle Kinder wertzuschätzen, individuell zu fördern und herauszufordern, sowie die Entfaltung ihrer Potenziale zu unterstützen.

Ganztagsunterricht
Schule sollte für Kinder und Jugendliche nicht nur Lern- sondern auch Lebensraum sein. Sie pflegen dort die meisten ihrer sozialen Kontakte und lernen in und mit einer Gruppe von MitschülerInnen zu leben. Folglich muss das Schulleben auch lebenswert gestaltet werden. Dies ist allein in einem umfassenden Ganztagsangebot möglich, da nur hier Raum für kreative, sportliche, soziale und musische Angebote ist. Diese sind notwendig, um die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten. Außerdem lassen sich durch Nachmittagsangebote die sozialen Kompetenzen der älteren SchülerInnen stärken, wenn sie beispielsweise Sportgruppen mit jüngeren SchülerInnen betreuen. Schließlich wird Schule erst zum Lebensraum, wenn die Schülerinnen und Schüler die Angebote selbst mitgestalten können.
Obwohl es zum pädagogischen Auftrag von Schulen gehört, einen gesunden Lebensstil zu vermitteln, ist in Deutschland jedes fünfte Kind und beinahe jeder zweite Erwachsene übergewichtig. Dass die bloße Theorie am Vormittag über „gute und schlechte“ Lebensmittel nicht ausreichend ist, zeigen diese erschreckenden Statistiken nur zu deutlich. Solch einer dramatischen Entwicklung kann mit einem gemeinsamen und vor allem gesunden Mittagessen entgegengewirkt werden. Die Themen Gesundheit, Hygiene, Ernährung und Körperbewusstsein sollten beispielsweise Bestandteile des Unterrichts
oder von Projekten sein.
Eine schon 2007 veröffentlichte Studie des Instituts für internationale pädagogische Forschung hat gezeigt, dass die 15 % der SchülerInnen, die heute schon in den Genuss von Ganztagsangeboten kommen, ihr Familienleben als ausgeglichener empfinden als andere Kinder und Jugendliche.
Die weit verbreitete Befürchtung, Ganztagsschulen würden dazu beitragen, dass das Leben der Kinder sich weniger in der Familie abspielt, konnten die Forscher nicht bestätigen: Sie fanden heraus, dass Kinder, die Ganztagsangebote nutzen, sogar mehr Zeit mit ihren Eltern beim gemeinsamen Hobby oder beim gemeinsamen Zusammensitzen verbringen.
Die Ganztagsschulen stellen außerdem für Eltern eine enorme Entlastung dar, da sich viele Eltern mit der Hilfe bei den Hausaufgaben zeitlich und inhaltlich überfordert fühlen. Dieses Problem entfällt bei Ganztagsschulen, da sie durch ihr Nachmittagsangebot Eltern bei der Balance von Beruf und Familie unterstützen.
Des Weiteren hilft der Ganztag dabei, die in der Gesellschaft momentan gegebenen sozialen Ungleichheiten im Bezug auf Bildungschancen abzumildern. Wie die oben genannten Fakten belegen, sind die soziale Herkunft und der Bildungsstand der Eltern entscheidend für die schulische Laufbahn des Kindes. Je länger Kinder zusammen Zeit in der Schule verbringen, desto weniger ausschlaggebend sind die sozialen Faktoren.

Notensystem
Das bisherige Notensystem mit seinen Ziffernoten von „1″ bis „6″ bzw. von 0 bis 15 Punkten ist abstrakt und subjektiv. Die unterschiedliche Vorstellung von der Bedeutung einzelner Noten bei LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen macht das System ungerecht und undurchsichtig. Eine besonders extreme Ausdrucksform findet das Notensystem in Kopfnoten. Dabei werden Sozialverhalten und veraltete preußische Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit bewertet, um den psychischen Druck zur Konformität auf die SchülerInnen zu verschärfen. Die 2010 gewählte Landesregierung hat angekündigt, die 2006 eingeführten Kopfnoten wieder vom Zeugnis zu streichen. Stattdessen fordert die LSV ein Konzept der gegenseitigen Rückmeldung, das den Dialog zwischen LehrerInnen und SchülerInnen in den Vordergrund stellt. Es ist festzuhalten, dass ein gerechtes und fortschrittliches Schulsystem in Zukunft auf die Bewertung von Sozial- und Arbeitsverhalten verzichten muss.
Wir fordern deshalb die Abschaffung jeglicher Ziffernnoten und die Hinwendung zu alternativen Bewertungsmethoden. Solche wären zum Beispiel die schon mehrfach erprobten Rückmeldungssysteme in Form von schriftlicher oder mündlicher Bewertung der persönlichen Fortschritte in so genannten „Portfolios“ (Sammelmappen).

Unterrichtsmethoden
Allgemein bekannt ist, dass der heute übliche Frontalunterricht bei LehrerInnen als auch bei SchülerInnen wenig beliebt ist. Er spiegelt die verstaubten Methoden des preußischen Schulsystems wider, in dem die Aussagen des Lehrers zum Gesetz werden und eine einseitige Beziehung der Abhängigkeit und Hörigkeit zwischen LehrerInnen und SchülerInnen entsteht.
Deshalb fordert die LSV NRW die Abkehr von den üblichen Paukstunden im 45-Minuten- Takt und eine Hinwendung zu verschiedensten alternativen Lernmethoden. Es ist schließlich davon auszugehen, dass jedeR SchülerIn andere Lerntechniken als Zugang zu den Unterrichtsinhalten bevorzugt; weshalb das Erlernen verschiedener Lerntechniken essenziell für die Förderung der individuellen Fähigkeiten ist.
Der Schwerpunkt muss hierbei auf die Förderung des selbst bestimmten Lernens gesetzt werden. Es muss bei SchülerInnen allgemein ein Bewusstsein geschaffen werden, dass es sich bei Kindern und Jugendlichen nicht um unmündige Wesen handelt, sondern sie sehr wohl selbst in der Lage sind abzuwägen, welche Inhalte sie gerade bearbeiten möchten, ohne insgesamt Themen zu vernachlässigen.
Des Weiteren sollten die Unterrichtsinhalte weit über die heute üblichen hinausgehen. Das politische Tagesgeschehen sollte Einzug in die Klassenräume halten. Es ist wichtig, dass die SchülerInnen Nachrichten verstehen und nachvollziehen können. In der Schule muss ihnen geholfen werden, die Zusammenhänge zu verstehen, und ihre Fragen und Sorgen müssen beantwortet und ernst genommen werden. Die SchülerInnen sollten befähigt werden, sich eine eigene kritische Meinung zu bilden. Schließlich gehört es doch auch zum erzieherischen Auftrag von Schule, Kinder und Jugendliche zu mündigen Bürgern anstatt zu unpolitischen Schafen zu erziehen.
Aber auch Fähigkeiten wie (Selbst)Kritik, Kreativität, Problemerkennungs− und Problemlösungskompetenz, soziale Kompetenz, Eigenständigkeit und Teamfähigkeit, Umgang mit Sprache und (neuen) Medien sollten neben den fachspezifischen Unterrichtsinhalten einen höheren Stellenwert in der Schule bekommen.

Bildungsfinanzierung
Die Angst vor dem „ausgesiebt“ werden zwingt Schülerinnen und Schüler dazu, den Schulstoff, den sie nicht verstehen nachzuholen. Dafür finanzieren Eltern NachhilfelehrerInnen und verwenden viel Zeit und Energie darauf, den Sprösslingen bei den Hausaufgaben und beim Lernen zu helfen, was eigentlich Aufgabe der Schule bzw. des Staates sein sollte. In Deutschland wird jährlich etwa eine Milliarde Euro für Nachhilfe verwendet. Nicht nur, dass man dieses Geld besser in Schule investieren könnte, diese Notwendigkeit von Nachhilfe bringt mit sich, dass die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen immer noch vom Geldbeutel der Eltern abhängt.
In Deutschland machen 12 % der Arbeiterkinder und 70 % der Beamtenkinder das Abitur. Die Folge dieser und anderer aktueller Zahlen ist, dass immer noch die soziale Herkunft eines Kindes über die Zugangschancen zu Bildung entscheidet und somit über seine Voraussetzungen, in die Gesellschaft integriert zu werden. Es braucht sich niemand zu wundern, dass es ein Integrationsproblem in Deutschland gibt, denn die finanzielle Situation von MigrantInnen in Deutschland ist durchschnittlich eher schlecht.
Gleichzeitig ist Deutschland nach der aktuellen OECD-Studie auf dem fünft-letzten Platz, was Bildungsausgaben angeht (in Prozent, abhängig vom Bruttoinlandsprodukt) und liegt damit weit unter dem OECD-Durchschnitt. Die Länder, die auch insgesamt bei der OECDStudie am besten abgeschnitten haben, verfügen über inklusive Ganztagsschulsysteme, die ausreichend staatlich finanziert werden!
Die LSV NRW will die Benachteiligung der einkommensschwachen MitschülerInnen wie auch die der Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht länger hinnehmen. Jedes Kind hat ein Recht darauf, die gleichen Chancen auf Bildung zu erhalten. Denn wir sehen eine gute Schulbildung als essenziell für das Leben und Mitwirken in einer demokratischen Gesellschaft an!

Fazit
Das Schulsystem in Deutschland muss reformiert werden! Es ist politisch nicht länger tragbar, dass zugesehen wird, wie Kinder und Jugendliche um eine gute Schulbildung geprellt werden. Deshalb ist es unser Ziel, in einer Kampagne öffentliches Interesse an einer Schuldebatte zu forcieren und bei den SchülerInnen selbst ein Bewusstsein für ihre Situation zu schaffen.

Beschlossen auf der 100. Landesdelegiertenkonferenz am 28.November 2010

Wir sind mehr wert!

falt-unter-smallSo lautet der Titel unserer Kampagne gegen die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems. Es fehlt an allen Ecken: Zu wenig Lehrer*innen, zu wenig Schulsozialarbeit, marode Schulgebäude, schlechte Ausstattung, vielerorts gibt es nicht einmal spezielle ÖPNV-Tickets für Schüler*innen.
Mehr Infos zum Thema und unseren Forderungen sind zu finden in unserem
Faltblatt (pdf, 799kB), das auch kostenfrei bestellt werden kann.