Resolution: Das deutsche Schulsystem ist in Verruf geraten

Wir haben,
ein Bildungssystem das systematisch „BildungsverliererInnen“ produziert. Es schließt Kinder mit Lernschwächen aus, selektiert nach sozialer oder ethnischer Herkunft und sorgt so für die weitere Öffnung der Schere zwischen arm und reich.
Schon bei der Übergangsempfehlung nach der vierten Klasse wird in Deutschland über die Zukunft eines jeden Kindes entschieden. Dabei setzt sich das deutsche Bildungssystem selbst das Ziel, diese Entscheidung aufgrund der Leistung der jungen SchülerInnen zu treffen. Bereits dieser Ansatz ist grundsätzlich falsch, da jedes Kind sehr individuelle Lernvoraussetzungen mitbringt, anders lernt und vor allen Dingen nur dann lernt, wenn es auch Spaß dabei hat. Das ist längst erwiesen, trotzdem hält die deutsche Politik stur an ihrem Modell fest. Aber nicht einmal das selbst gesteckte Ziel, nach Leistung zu beurteilen, kann unser Schulsystem erreichen. So zeigt das mehrgliedrige Schulsystem ein hohes Maß an sozialer Ungerechtigkeit. Nicht die Leistung eines Schülers oder eine Schülerin, sondern meist die soziale oder ethnische Herkunft entscheidet über den Verlauf des weiteren Schullebens.

Dies beweist unter anderem die „Iglu“-Studie: Nur bei sehr starken und bei sehr schwachen Schüler_(innen/n) ist die Zuweisung eindeutig, bei einem großen Teil (44%) der SchülerInnen ist die Empfehlung eher willkürlich. Selbst das Institut der deutschen Wirtschaft (ein eher konservatives Institut) musste im Jahre 2000 feststellen, dass
nur 12 % aller Studienanfänger aus ArbeiterInnenhaushalten stammen, obwohl der Anteil der Jugendlichen im Alter zwischen 19 und 24 Jahren aus dieser Schicht insgesamt bei 40 % liegt. Sozialwissenschaftler Rainer Geißler attestiert dem deutschen Schulsystem noch eine größere Ungerechtigkeit: „Damit die Lehrer sie fürs Gymnasium empfehlen, müssen Grundschüler aus benachteiligten Verhältnissen 50 Prozent mehr Leistung bringen.“
Selbst seiner inneren und selbstgesteckten Logik kann das deutsche Bildungssystem also nicht mehr entsprechen, überall sind Probleme vorhanden, die die Politik nur dürftig zu flicken versucht:
Die Hauptschule ist teilweise zu einer Art „Restschule“ mit hohem Problemdruck geworden.
Durchlässigkeit zwischen den Schulformen ist nur nach unten vorhanden, es gibt deutlich mehr „AbsteigerInnen“ als „AufsteigerInnen“.
Schule in Deutschland bedeutet strukturelle Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsschichten, unabhängig von deren Leistung.
Diese Probleme lassen sich nach unserer Meinung nicht durch immer neue, aber eigentlich nichts strukturell ändernde, Reformen beseitigen. Auch sind diese sogenannten „Problemzonen“ keine schimmeligen Flecken auf einer eigentlich noch essbaren Frucht; vielmehr ist unser Schulsystem bis an die Kerne durchgefault und damit für alle Teilhabenden ungenießbar!
Das mehrgliedrige Schulsystem, aber auch G8 und die Oberstufenreform tragen die Handschrift einer Regierung, die nicht unsere Interessen vertritt.

Wir wollen,
eine Schule, die uns zu kritischen Individuen erzieht, deren höchstes Ziel es ist, Bildung zu vermitteln und die nicht bloß Mittel zur im Kapitalismus notwendigen Selektion ist.
Diese Anforderungen erfüllt voll und ganz nur das Modell der Inklusiven Ganztags-Gesamtschule (IGGS). Als einzige Schulform bietet die IGGS allen Kindern unabhängig von ethnischer oder sozialer Herkunft die Möglichkeit, gemeinsam mit- und voneinander zu lernen.
Inklusion verstehen wir dabei als einen Prozess der alle SchülerInnen in einer heterogenen Gruppe zusammenführt und dabei ihre ganz individuellen Stärken, aber auch ihre Schwächen berücksichtigt. Nicht die reine Leistung, ablesbar an Ziffernoten, sollte das weitere Leben bestimmen, sondern einzig die selbstbestimmten Wünsche eines jeden
Schülers und einer jeden Schülerin. Das Modell der IGGS unterscheidet sich auch im Begriff des Ganztages essentiell von anderen ganztägigen Schulen. So soll die zusätzliche Schulzeit im Nachmittagsbereich nicht etwa dazu verwendet werden, nicht geschafften Stoff nachzuarbeiten oder gar zusätzliche Unterrichtsstunden einzuführen. Vielmehr soll der Nachmittagsunterricht allen SchülerInnen die Möglichkeit geben, ihren individuellen Hobbys nachzugehen, ob sie dabei lieber am Musikunterricht teilnehmen, in die Schach-AG gehen oder gemeinsam Fußball spielen. Kurz und knapp: Schule soll uns wieder Spaß machen! Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht nicht mitkommen, sollen individuell gefördert werden, statt auf die nächste Schule abgeschoben zu werden. Jede/r SchülerIn bekommt so genau so viel Zeit, wie er oder sie braucht, egal aus welcher sozialen Schicht er/sie kommt.
Damit unterscheidet sich die IGGS in ihrer Funktion grundsätzlich von unserem aktuellen Schulsystem. Nicht Selektion und Nutzbarmachung der SchülerInnen für den Arbeitsmarkt sind die beiden höchsten Ziele der IGGS, sondern die Vermittlung von Bildung sowie die Befähigung zum kritischen und selbstbestimmten Denken. Schule soll somit wieder als
Lebensraum für uns SchülerInnen begriffen werden. Also als ein Ort, an dem wir gerne einen Großteil unseres Tages verbringen und an dem wir auch am Nachmittag noch gerne sind.
Demnach steht die LSV NRW für eine klare Abgrenzung zum mehrgliedrigen Schulsystem und dessen Abschaffung.

Beschlossen auf der 104. Landesdelegiertenkonferenz am 5. Februar 2012

Wir sind mehr wert!

falt-unter-smallSo lautet der Titel unserer Kampagne gegen die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems. Es fehlt an allen Ecken: Zu wenig Lehrer*innen, zu wenig Schulsozialarbeit, marode Schulgebäude, schlechte Ausstattung, vielerorts gibt es nicht einmal spezielle ÖPNV-Tickets für Schüler*innen.
Mehr Infos zum Thema und unseren Forderungen sind zu finden in unserem
Faltblatt (pdf, 799kB), das auch kostenfrei bestellt werden kann.