Stellungnahme zum (strukturellen) Lehrkräftemangel

ResolutionFast täglich hört man quer durch alle Medien von einem eklatanten Mangel an Lehrerinnen und Lehrern an den nordrhein-westfälischen Schulen – so ist dieses Problem auch schon seit vielen Jahren einer der Hauptkritikpunkte der LandesschülerInnenvertretung NRW an der Bildungspolitik des Landes. Seit langem bekommen viele Schüler*innen des Landes die Konsequenzen dieser Situation zu spüren – zu große Klassen, teilweise hervorgerufen durch sehr hohe Richtwerte, beengte Verhältnisse in Kursen jenseits von 30 Schüler*innen, häufiger Unterrichtsausfall auch über längere Zeit hinweg und das völlige Ausbleiben von individueller Förderung gehören vielerorts längst (oder noch immer) zur Normalität.

Durch den aktuellen Zuzug von Geflüchteten, unter denen sich viele minderjährige schulpflichtige Kinder befinden, hat sich die Situation noch verschärft. In den letzten eineinhalb Jahren wurden ungefähr 80.000 solcher Schüler*innen zusätzlich an den Schulen NRWs aufgenommen – und trotz der zur Zeit sinkenden Flüchtlingszahlen wird sich diese Entwicklung noch fortsetzen, denn viele tausend Kinder und Jugendliche halten sich noch in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes auf, wo ihnen aufgrund gesetzlicher Bestimmungen das Recht auf Schulbildung verwehrt wird.
Doch es wäre falsch und zu kurz gedacht, das Problem des Lehrkräftemangels einfach auf den Zustrom von Geflüchteten zu schieben. Wie auch viele andere Schwachstellen des Bildungssystems in NRW ist dieses Problem nämlich vielmehr auf die seit Jahrzehnten betriebene Unterfinanzierung der nordrhein-westfälischen Schulen zurückzuführen. Schon seit dem Jahr 1991 ist die sogenannte „Kienbaum-Lücke“ bekannt, die damals durch ein Gutachten im Auftrag der Landesregierung zu Tage gefördert wurde. Sie dokumentiert einen fachspezifischen Lehrer*innenmangel, der als logische Konsequenz zu strukturellem Unterrichtsausfall führt – zentral ist dabei die Erkenntnis, dass sogar solche Schulen, an denen rein rechnerisch eine 100-prozentige Ausstattung mit Lehrer*innenstellen vorliegt, keine ausreichende Unterrichtsversorgung für die Schüler*innen vorweisen können. Um diese Lücke zu schließen, müssten über 3.500 Lehrer*innenstellen neu geschaffen werden – dass dies noch immer nicht geschehen ist, kritisierte im Sommer 2015 auch der Landesrechnungshof gegenüber der Landesregierung. Seinerzeit war die Lücke sogar noch viel größer, die Reduzierung auf einen Mangel von 3.500 Stellen ist sogar nach eigenen Angaben der Landesregierung hauptsächlich auf Standardverschlechterungen in den Schulen zurückzuführen.
Die bereits erwähnte Untersuchung des Landesrechnungshofs vom Sommer 2015, bei der über einen fünfjährigen Zeitraum für jeweils einzelne Jahrgänge an staatlichen Gymnasien und Gesamtschulen überprüft wurde, ob die vorgeschriebene Gesamtwochenstundenzahl eingehalten wird, hatte ein erschreckendes Ergebnis: In 67 Prozent der untersuchten Jahrgänge in Gymnasien und 76 Prozent der untersuchten Jahrgänge an Gesamtschulen wurde die Anzahl an Unterrichsstunden, die eigentlich hätten stattfinden müssen, nicht erreicht.
Die Konsequenzen dieser Sparpolitik müssen neben den Lehrer*innen, die häufig Überstunden und Mehrarbeit ausgesetzt sind, in erster Linie wir Schülerinnen und Schüler ausbaden. Neben den Nachteilen, die uns allen entstehen, zum Beispiel Lücken im Lernstoff, fehlende Vorbereitung auf Prüfungen und mehr Aufwand nachmittags und abends zuhause, ist der Unterrichtsausfall vor allem ein großes Problem für diejenigen Schüler*innen, die sich Inhalte nicht so einfach selbstständig erarbeiten können. Insofern ist der Lehrkräftemangel ein tödliches Gift für die sowieso schon mangelhafte Chancengleichheit in unserem Bildungssystem: die Schüler*innen, die die Möglichkeit kostenpflichtiger Nachhilfe in Anspruch nehmen können, Unterstützung von ihren Eltern bekommen oder zusätzliche Lernhilfen kaufen können, sind zwangsläufig im Vorteil gegenüber denjenigen Schüler*innen, die aufgrund ihrer Fluchtgeschichte, ihrer schlechten Deutschkenntnisse oder der finanziellen Lage ihrer Familie keine Hilfsangebote in Anspruch nehmen können. Die häufige Situation, dass Schüler*innen und Eltern privat dafür sorgen müssen, dass die Bildungsziele der Schule erreicht werden, verstärkt die Selektion im Bildungssystem und verhindert die erfolgreiche Integration von Flüchtlingskindern in die Schulen Nordrhein-Westfalens!
Die Landesschüler*innenvertretung NRW setzt sich für eine bessere und endlich ausreichende Finanzierung des Schulsystems in Nordrhein-Westfalen ein. Neben der Beseitigung des Lehrer*innenmangels gehören dazu auch die Behebung von baulichen Mängeln und umfassende Sanierungen an Schulgebäuden, eine unbefristete Finanzierung der Schulsozialarbeit und die Schaffung von ausreichend Stellen, die dem tatsächlichen Bedarf gerecht werden, ein kostengünstiges und NRW-weites Schüler*innenticket und vieles mehr!

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, führen wir im Schuljahr 2016/2017 die Kampagne „WIR sind mehr wert – Kostenlose Bildung für alle!“ durch. Denn eine Schule muss mehr als ein Ort zum Pauken sein – und niemand darf weniger Chancen haben, weil er oder sie wenig Geld hat oder nicht durchschnittlich und pflegeleicht ist.
Die an den Landtag NRW gerichtete Petition kann online unterzeichnet werden unter petition.lsvnrw.de, mehr Infos zur Thematik finden sich auf unserer Homepage unter Bildungsfinanzierung.

Wir sind mehr wert!

falt-unter-smallSo lautet der Titel unserer Kampagne gegen die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems. Es fehlt an allen Ecken: Zu wenig Lehrer*innen, zu wenig Schulsozialarbeit, marode Schulgebäude, schlechte Ausstattung, vielerorts gibt es nicht einmal spezielle ÖPNV-Tickets für Schüler*innen.
Mehr Infos zum Thema und unseren Forderungen sind zu finden in unserem
Faltblatt (pdf, 799kB), das auch kostenfrei bestellt werden kann.