Stellungnahme gegen Studiengebühren

Mit der Bildung der neuen Landesregierung und dem daraus resultierenden Koalitionsvertrag sollen an nordrhein-westfälischen Hochschulen wieder Studiengebühren für Studierende aus Drittstaaten¹ eingeführt werden. Wir als Landesschüler*innenvertretung NRW setzen uns jedoch gegen jegliche Studiengebühren ein, auch für Studierende aus Drittstaaten. Denn für uns besteht keinen Unterschied zwischen Bildungsinländern und Menschen aus Drittstaaten.
Doch so steht es im Koalitionsvertrag:

„Stattdessen werden wir Studienbeiträge für Studierende aus Drittstaaten einführen und uns am „Baden-Württemberg-Modell“ orientieren. Sogenannte „Bildungsinländer“ werden bei der Erhebung von Studienbeiträgen ausgenommen”

Befürworter*innen von Studiengebühren stellen diese meistens als sozial gerecht dar, da die Hochschulen tatsächlich nur von solchen Menschen finanziert würden, die auch das Bildungsangebot einer Hochschule in Anspruch nehmen.
Außerdem würden Studierende, die ihr Studium selber finanzieren müssten, ihr Studium mehr wertschätzen und mehr Ambitionen zeigen es bereits in der Regelstudienzeit abzuschließen.
Zudem würden Studiengebühren für eine höhere Wertschätzung der Studierenden sorgen, weil diese dann für ihre eigene Bildung bezahlen. Wieso sollte man dann nicht schon in der Grundschule Gebühren nehmen? Wenn man für den Deutschunterricht zahlt, merkt man doch erst, was er einem wert ist.

Diese Argumente weisen wir aus folgenden Gründen entschieden zurück:

Der interkulturelle Austausch ist ein wertvolles Gut unserer Gesellschaft, er fördert Innovation und baut Vorurteile ab. Gerade in Zeiten der Globalisierung, in welcher Grenzen immer weiter verschwimmen, sind die Hochschulen als Bildungsstätten ein wichtiger Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung.

Jedoch lässt diese Rechtfertigung solche Menschen aus, die aus Familien stammen, für die ein Studium keine Selbstverständlichkeit ist. Vor allem für Schüler*innen mit Eltern, die keinen Hochschulabschluss haben, ist das Anstreben eines Studiums eine ernsthafte Herausforderung. Diese Schüler*innen können meistens von ihrem Elternhaus nicht soviel unterstützt werden, wie Studierende mit mindestens einem Elternteil, welches studiert hat.
Zudem ist bei Studierenden mit Eltern ohne Studienabschluss die Chance auf finanzielle Absicherung geringer. Diese Studierenden sind meistens auf BaföG, Stipendien oder einen Nebenjob angewiesen. Meistens sogar mehrere von diesen Angeboten gleichzeitig. Dies führt vor allen Dingen bei Nebenjobs in eine Abwärtsspirale, da den Studierenden dann auch weniger Zeit zum Lernen übrig bleibt und sie somit eine geringere Erfolgschance haben.

Bei allgemeinen Studiengebühren ist BaföG meist unzureichend, weil neben den Gebühren auch noch Zahlungen für Miete und Verpflegung notwendig sind. Zudem wird in das BaföG keine Inflation eingerechnet. Außerdem bleibt bei den eng getakteten Studiengängen und der Wiedereinführung der Präsenzpflicht fast keine Zeit, um für Nebeneinkünfte zu sorgen.

Zudem wird durch die Einführung von Studiengebühren nur die Verantwortung des Staates, für kostenlose und inhaltlich fundierte Bildungsangebote zu sorgen, einfach auf die Studierenden abgewälzt.

Durch die Einführung von Studiengebühren, auch nachgelagerte, wie sie im Vorfeld auch zur Debatte standen, liegt auch ein starker Druck auf den Studierenden, später einmal ihre Studienschulden zu begleichen. Hierdurch entsteht ein Zwang bei der Studienwahl einen stark wirtschaftsorientierten Fokus legen zu müssen, um den Kredit vom Land abzudecken. Somit könnten ganze Studiengänge, die später eine geringere Aussicht auf materiellen Wohlstand darstellen, für Studierende uninteressant werden und für einen starken Wissensverlust in diesen Bereichen sorgen. Jene Studiengänge sind solche, welche einen essentiellen kulturellen Mehrwert hervorbringen. Eine Entwicklung in diese Richtung ist bereits zum Teil in den Geisteswissenschaften zu beobachten. Auf Dauer würden so kulturelle Angebote eingeschränkt werden, die für eine funktionierende Gesellschaft von größtem Wert sind.

Eine weitverbreitete Meinung ist, dass alle Akademiker*innen auch gleichzeitig überdurchschnittlich gut bezahlt werden. Dem ist jedoch nicht so. Vor allen in sozialen Bereichen verdienen selbst Fachkräfte mit einem Studienabschluss nur wenig mehr als das Existenzminimum.

Studieren sollte weiterhin für jeden kostenlos sein, und somit auch für Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind. Alles andere wäre eine ethnische Diskriminierung gegenüber denjenigen die nur aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Voraussetzungen für ein Studium haben. Die Aufgabe des Staates besteht eher darin, gerade diesen Menschen durch Stipendien oder einem vereinfachten BaföG-System eine Ausbildung an einer Hochschule zu ermöglichen!

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¹Drittstaat im Sinne des deutschen Aufenthaltsrechts sind im Allgemeinen die Staaten, die nicht zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gehören – letzteres sind alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU)

Wir sind mehr wert!

falt-unter-smallSo lautet der Titel unserer Kampagne gegen die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems. Es fehlt an allen Ecken: Zu wenig Lehrer*innen, zu wenig Schulsozialarbeit, marode Schulgebäude, schlechte Ausstattung, vielerorts gibt es nicht einmal spezielle ÖPNV-Tickets für Schüler*innen.
Mehr Infos zum Thema und unseren Forderungen sind zu finden in unserem
Faltblatt (pdf, 799kB), das auch kostenfrei bestellt werden kann.